An den Wänden Bilder von Günter Grass und Joseph Beuys; Naegeli hat direkt auf die Mauer gesprüht. An einem langen Tisch der Autor, sein Lektor und ein Dutzend Übersetzer. Jeder hat ein Exemplar von "Ein weites Feld" vor sich, und jetzt geht es Satz für Satz durch die 781 Seiten. Der Titel? "Too far a field" oder "Muy largo di contar". Wer kennt in Barcelona, Idaho, Malmö, Paris schon Fontane? Außer Effie Briest ist kaum etwas übersetzt. Die Anspielungen auf Texte und Leben des Autors lassen sich vielleicht noch transportieren, aber die auf seinen Stil, seine Haltung? "Machen Sie sich keine Sorgen", meint Grass, "der Leser hat Phantasie. Er braucht nicht viel, um sich das Richtige vorzustellen. Ich lese die Lateinamerikaner auch begeistert, ohne ihre Anspielungen zu verstehen."

Der russische Übersetzer erzählt: "Die ,Liebe auf den ersten Blick` auf Seite achtzig von ,Ein weites Feld` wäre vor zwei Jahren nicht zu übersetzen gewesen. Aber seit es die Fernsehsendung gibt, gibt es auch im Russischen eine ,Liebe auf den ersten Blick`."

Grass fragt seine Übersetzer: "Wie übersetzt man die für die DDR so wichtigen ,Errungenschaften`?" Polen und Russen sehen keine Schwierigkeiten. Sie haben die äquivalenten Ausdrücke; die Amerikanerin wackelt mit dem Kopf und meint, sie werde schon etwas Gutes finden. Einige der Übersetzer werden nicht nur Grass und Fontane, sondern auch noch den realexistierenden Sozialismus in ihre Sprachen einführen müssen.

Sie alle sind fast ausschließlich am Faktischen interessiert. Über manche Stellen klären erst sie den Autor auf. Zum Beispiel spricht Fontane auf Seite dreiunddreißig des "Weiten Feldes" von der schottischen Nationalblume und nicht, wie Grass seinen Übersetzern klarzumachen versucht, von der blauen Blume der Romantik. Auf geringes Interesse dagegen stoßen die Versuche des Lektors Helmut Frielinghaus, die Aufmerksamkeit der Übersetzer auf die jeweils spezifischen Sprechstile der Grass-Figuren zu lenken. Wechsel der Sprachmelodie, des Duktus sind für sie kein Thema. Haben sie das im Griff, oder ist es noch zu früh dazu, oder sind sie solchen Erklärungen gegenüber mißtrauisch?

Im Gespräch mit seinen Übersetzern ist Grass mehr noch als im Buch der allwissende Erzähler. Er weiß alles, hat sich zu allem Gedanken gemacht, jedes Detail ist bewußt konstruiert. Nirgends ist ein Gedanke, nirgends eine Figur mit ihm durchgegangen. Selbst wo er sich irrt, weiß er, warum. Grass vermittelt den Eindruck eines Uhrmachers, der jedes Schräubchen seines Wunderwerkes kennt und natürlich auch die Unruhe exakt eingeplant hat.

Günter Grass im Gespräch mit seinen Übersetzern. Ein Treffen in Göttingen, Anfang Oktober