Hans Dieter Ritterbex, Chef des Deutschen Herold in Bonn, ist um seinen Job nicht zu beneiden. Er soll nicht weniger, als sein Unternehmen zum Marktführer in Europa machen - so will es Hilmar Kopper, Chef der Deutschen Bank, der Mutter des Herold. "Da muß ich jetzt durch", sagt Ritterbex trocken.

In der europäischen Versicherungsbranche findet ein gewaltiger Umbau statt. Er reicht von der Kreierung neuer Policen bis hin zur Konstruktion neuer Finanzkonzerne. Dazu gehört auch der massive Einstieg der Deutschen Bank ins Versicherungsgeschäft. Beteiligungen an den Nürnberger Versicherungen (25,95 Prozent), dem Deutschen Herold (65,3 Prozent), dem Industrieversicherer Gerling (30 Prozent), der Globalen Krankenversicherung (55 Prozent) und dem Strukturvertrieb Bonnfinanz (100 Prozent) machen das Assekuranzengagement der Bank fast komplett. Nur ein großer Rechtsschutzversicherer fehlt noch. Diese Lücke soll künftig die Düsseldorfer Arag füllen.

Ritterbex kann bei seinem Feldzug auf Strukturvertrieb, Bankschalter, einen eigenen Außendienst und Makler setzen. Das Konzept für einen zusätzlichen Direktvertrieb liege "auch schon in der Schublade". Wachstumsmotor Nummer eins aber ist das Gütesiegel der Deutschen Bank, das beim Verkauf von Versicherungspolicen Wunder wirken soll.

Noch vor einigen Jahren waren die Herold-Policen so unattraktiv, daß sich selbst der eigene Außendienst beschwerte. Doch nach dem Einstieg der Deutschen Bank konnte Ritterbex das Beitragswachstum der Lebensversicherung um 29 Prozent auf 3,3 Milliarden Mark steigern und die Gesellschaft innerhalb eines Jahres vom siebten auf den fünften Rang der rund hundert deutschen Lebensversicherer hieven. Sorgen machen dagegen die übrigen Sparten wie die Sach- und die Krankenversicherung. Aus eigener Kraft wird Ritterbex hier kaum weiterkommen. "Weitere Übernahmen sind nicht ausgeschlossen", räumt der Herold-Boß denn auch ein.

Auch in der Münchner Königinstraße, dem Sitz des zweitgrößten Versicherungskonzerns der Welt (66 Milliarden Mark Prämieneinnahmen), rumort es. Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle hat seinem Konzern eine nachhaltige Schlankheitskur verordnet. Der schwerfällige Riese soll effektiver und kostengünstiger werden. Vor allem auf seinem Heimatmarkt hat Schulte-Noelle einiges zu tun. Allianz-Versicherungen sind im Vergleich zur Konkurrenz einfach zu teuer. Allein bei Kfz-Versicherungen ist der Marktanteil des Branchenprimus 1994 von 18,3 auf 17,6 Prozent abgesackt. Preisgünstige Konkurrenten wie HUK-Coburg oder HDI haben dagegen kräftig zugelegt. Mehr Service, preiswertere Produkte, niedrigere Kosten heißt der neue Kurs, mit dem Schulte-Noelle die Allianz-Vormachtstellung langfristig sichern will.

Auslöser dieser geballten Anstrengungen bei Herold, Allianz und anderen Versicherern ist der seit Juli 1994 deregulierte europäische Binnenmarkt für Versicherungen. Jedes Versicherungsunternehmen, das in einem europäischen Land ansässig ist, kann seine Policen heute europaweit verkaufen. Die Produktgestaltung ist - im Gegensatz zu früher - weitgehend frei. Die Aufsichtsbehörden werden im wesentlichen nur noch dann aktiv, wenn die Belange der Versicherten, etwa durch Mißmanagement, in Gefahr sind.

"Um künftig im Wettbewerb bestehen zu können", mahnte Georg Büchner, ehemaliger Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft, seine Mitglieder bereits vor drei Jahren, "wird neben dem Preis und der Servicequalität sehr viel stärker als bisher die Bonität und Flexibilität des Unternehmens eine Rolle spielen."