George Washington kam zu Pferd. Thomas Jefferson kam in einer Kutsche. Kunta Kinte kam per Schiff und in Ketten. Thomas Jefferson hatte die hehren Worte formuliert: "All men are created equal", alle Menschen sind gleich geschaffen. Aber die fundamentalen Menschenrechte galten nicht für jene, die hier im 17. Jahrhundert an Land gebracht wurden, entführt aus ihrer afrikanischen Heimat und dann in die Sklaverei verkauft. In diesem Jahr feiert das eine halbe Autostunde von Washington entfernte Annapolis sein 300jähriges Jubiläum. Nirgendwo sonst in diesem Land gibt es so viel urbane Architektur der Kolonial- und Gründerjahre auf so engem Raum. Da dem 33000-Einwohner-Ort eine nennenswerte Industrialisierung erspart geblieben ist und die Bürger überdies in einer Selbsthilfeinitiative über Jahre unzählige Kulturdenkmäler vor dem Verfall bewahrt haben, erzählen seine Bauwerke die Geschichte einer Zeit, in der die Weichen für die Entwicklung Nordamerikas gestellt wurden.

Der älteste Zeuge ist ein auf sechshundert Jahre geschätzter Baumriese, der auf dem Campus des St. John's College, der drittältesten Hochschule Nordamerikas, dem akademischen Nachwuchs Schatten spendet. Das College pflegt ein alternatives Lehrprogramm, ohne Professoren, mit starker Betonung der Eigeninitiative seiner Studenten. Der uralte Liberty Tree hat viel gesehen: Erst lagerten die Ureinwohner der Chesapeake Bay unter dem alten Baum, später wurden unter seinen starken Ästen die ersten Geschäfte zwischen ihnen und den weißen Ankömmlingen abgeschlossen, überwiegend zum Nachteil der ersteren. Dann, als die königliche Kolonie Maryland in Aufruhr geriet, war er konspirativer Treffpunkt jener Männer, die sich sons of liberty nannten und die Loslösung vom britischen Mutterland planten.

In den Jahren um 1840, als der alte Baum schon recht hinfällig wirkte, wurde er Opfer eines Studentenstreiches. Die Flegel füllten die Hohlräume in seinem Stamm mit Schießpulver und brachten es zur Explosion. Statt den Baum zu fällen, taten sie ihm den größten Dienst. Der Knall rottete die Parasiten in seinem Inneren aus und machte ihn fit für die nächsten Jahrhunderte.

Wenn man durch die engen, nächtens von Laternen fahl beleuchteten Gassen schreitet (schrille Neonreklame ist hier verpönt), kann man sich kaum vorstellen, daß diese ruhige Kleinstadt einst ein revolutionäres Pflaster war. Vier Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung hatten ihren Wohnsitz in Annapolis; ihre liebevoll erhaltenen Häuser zeigen das Leben in den Gründerjahren der USA.

Spätestens beim Betreten des William Paca-House wird dem Besucher klar, daß die führenden Protagonisten der amerikanischen Revolution alles andere als arme Schlucker waren. Im Herzen der Stadt, der Prince George Street, gelegen, zeigen 37 Zimmer die Spuren des Lebens eines Gentleman. Im Dining-room scheinen blau-weißes Porzellan und Tafelsilber auf dem Mahagonitisch auf eine quasiaristokratische Gesellschaft zu warten. Im Salon nebenan werden Gläser, Sherrykaraffen und die unvermeidlichen Spielkarten bereit gehalten, als käme der Hausherr jeden Moment von einer Sitzung des Kongresses zurück.

Die Parkanlage des Hauses mit einem Teich und einer ganz im Geschmack der Zeit angelegten chinesischen Brücke möchte man spontan als typisch englisch bezeichnen. Aber gerade hier flanierte der Gastgeber nach der Teestunde mit gleichgesinnten Herren von hoher Bildung und edlen Manieren, um Maßnahmen zur Loslösung vom Mutterland zu beraten.

Ähnlich gediegen präsentiert sich das Heim eines anderen Revolutionärs, das Haus des Samuel Chase in der Maryland Avenue, bei dessen Erstellung weder mit Marmor noch mit Mahagoni gegeizt wurde. In die Marmorfassaden eingravierte Darstellungen einer Pflanze zeigen, worauf sich all der Reichtum gründete: auf Tabak.