RTL, Samstag, 21. Oktober: "Samstag Nacht Spezial"

Warum sind Preisverleihungen peinlich? Weil hier mal alle Differenzen weggebügelt werden und das schiere Wohlwollen herrscht: So was stimmt nie. Ganz wie im Privatleben große Feste Anlaß für Zusammenbrüche sind, zeigen in der Öffentlichkeit Ehrungen nur, wie geschickt die "Laudatoren" lügen können.

So jedenfalls empfand man es, als Gesellschaftskritik noch mit Ingrimm daherkam. Heute hat sie, sofern es sie noch gibt, zu einem ironischen Ton gefunden, der obendrein gern beiseite gesprochen wird. Die meisten sind sich einig, daß der Laden, den wir Gesellschaft nennen, so schlecht nicht läuft. Und da die Meckerfritzen auch nicht wissen, wie man's besser machen soll, werden sie verlacht. Das gilt selbst für die Medien.

Man hätte also vermuten dürfen, daß die Verleihung eines Fernsehpreises - und dann auch noch eines bayerischen und dann auch noch von RTL übertragen - als pure Gaudi über den Schirm flimmert, mit jeder Menge Hochloben und Schönreden, Schulterklopfen und Schleimscheißen, aber dem war gar nicht so. Daß Preisverleihungen peinlich sind, wurde auf der Mattscheibe völlig klar, und zwar nicht bloß unfreiwillig.

Da wären erst einmal die Comedians von "Samstag Nacht" - sie sind zuständig für die neuzeitliche Ironie, die sich bei ihnen so unwiderstehlich mit Albernheit paart. Wenn Wigald Boning das "Wie bitte?"-Team zur Ehrung auf die Bühne bittet und es mit Robin Hood vergleicht, der mit seinen Getreuen "im 13. Jahrhundert unter einer Geheimeiche lebte", dann hat dieses eine Wort "Geheimeiche" den Abend im Grunde gerettet. Und Esther Schweins in königsblauem, eng anliegendem Silberlamé ist nicht nur wegen ihrer Reize abendfüllend, sie ist deshalb so reizvoll, weil sie so süffisant guckt.

Dagegen fällt Stoiber, der die Preise und Glückwünsche übergab, optisch und vor allem, was die Ausstrahlung betrifft, steil ab. Aber er soll ja weder schön noch witzig sein, sondern beweisen, daß die Politik sich nicht zu schade ist, das Fernsehen zu ehren, weil sie weiß, was sie ihm schuldig ist. Und hier müßte das Fernsehen, wenn es denn noch irgendwas mit Gesellschaftskritik auch nur von ferne zu tun hat oder haben könnte, aufmüpfen: den Preis wegstecken, aber die Hand, die ihn reicht, ein bißchen beißen.

Und bitte, das geschah. Bei den Comedians genügte es, wenn sie den Schirmherrn "Doktor" oder "Herr Ministerpräsident" nannten - schon klang es abschätzig. Aber Oliver Storz, der für seine "Drei Tage im April" von Zehetmair persönlich einen Sonderpreis erhielt - Zehetmair: "Erschütternd, zum Nachdenken anregend" -, ergriff die Gelegenheit, ingrimmig Klartext zu reden und zu verlangen, daß das "Abschieben" von Menschen ein für allemal ein Ende finden müsse, und regte so seinen Kultusminister noch einmal zum Nachdenken an.