Vom Haus aus sieht man seine Gestalt gerade wieder hinter den Tannen verschwinden. Nun geht er den Hang seines Grundstückes hinunter bis zu den Birken. Bald sieht man ihn wieder den Hang heraufkommen, auf das Haus zu. Doch vorher biegt er ab, lenkt seine Schritte hangabwärts und verschwindet abermals hinter den Tannen. Seit einer halben Stunde geht das schon so.

Jeden Sonnabend geht das so, wenn sein "FCK", der 1. FC Kaiserslautern, ein Heimspiel auf dem Betzenberg hat. Fritz Walter fehlt niemals, doch niemals hält er es länger als eine Halbzeit im Stadion aus. Es macht ihn einfach zu nervös, und in der Pause fährt er mit dem Auto heim. Vom Betzenberg ist es nur eine Viertelstunde bis zu seinem Haus am Wald über Alsenborn. Und wenn drüben die zweite Halbzeit angepfiffen wird, begibt er sich auf seinen ruhelosen Marsch. Nach Ende der Spielzeit steigt er dann zum Haus hinauf, wo ihn seine Frau Italia schon erwartet, die wie immer die Radioübertragung gehört hat. Und obwohl er es meist schon an ihrem Gesicht ablesen kann, fragt er: "Gewonne, Schätzsche?"

Offiziell heißt die gefürchtete Fußball-Festung Betzenberg inzwischen Fritz Walter-Stadion. Für ihn ist es "der Betze" geblieben. Dort ist er groß geworden. 1951 hat Atletico Madrid ihm 250 000 Mark Handgeld und 10 000 Mark Monatsgehalt angeboten. In jenen Jahren unvorstellbar viel Geld.

"Schätzsche, was mache mer", hat er damals seine Frau gefragt, und die sagte, was er hören wollte: "Brauchst du mich doch gar nicht erst zu fragen. Da oben dein Betzenberg, der Chef, dein FCK, die Nationalmannschaft . . ." Wenn Fritz Walter heute davon erzählt, lacht er in sich hinein, als habe er damals seinem Leben mit einem seiner berühmten Absatzkicks den entscheidenden Ball zugespielt.

Als Besucher wirft man automatisch einen Blick zu seinem Schreibtisch hinüber, auf dem unter der Lampe ein Photo von Sepp Herberger im Silberrahmen steht. Fritz Walter bemerkt es und sagt: "Der Chef gehört dazu. Für alle Zeiten."

"Auf ihn hat er mehr gehört als auf mich", sagt seine Frau. "Er hat sie immer angerufen, als seelischen Beistand für mich", sagt er.

"Wenn die Kritiken schlecht gewesen waren, hat er angerufen und zu mir gesagt: ,Italia, nemme Se ihm die Zeitunge weg.`" Die beiden sehen sich an, und Fritz Walter sagt: "Weil ich ja angeblich so sensibel bin."