Ist der Glaubenskrieg um das Abitur und die "Reform der reformierten Oberstufe" nun zu Ende? Wohl kaum. Der Bericht der Expertenkommission über die "Weiterentwicklung der Prinzipien der gymnasialen Oberstufe und des Abiturs", der seit diesem Donnerstag den Kultusministern als Beratungsgrundlage vorliegt und der Klärung und Klarheit bringen sollte, ist nicht halb so spektakulär ausgefallen, wie viele erhofft oder befürchtet haben. Weder wird die pädagogische Rolle rückwärts in das Korsett festgelegter Fächer vorgeturnt noch auch nur ein kleiner Schritt in Richtung Reform gewagt. Und schon gar nicht werden die Befürchtungen aus Hochschule und Wirtschaft zerstreut, die heutigen Abiturienten seien weder studierfähig noch in der Lage, sich einmal ins Wirtschaftsleben einzugliedern.

Die magere Botschaft des immerhin 136 Seiten umfassenden Konvoluts lautet vielmehr sinngemäß: Zwar steht mit der Oberstufe an den Gymnasien nicht alles zum besten, aber es bleibt trotzdem besser alles beim alten. Das Kurssystem habe, so das Ergebnis, sich insgesamt bewährt, und "die einschlägigen empirischen Befunde stützen die Erwartungen, die an eine Veränderung der Abiturregelungen geknüpft werden, nicht". Immerhin plädieren die Experten für eine Verpflichtung auf die Fächer Deutsch, eine Fremdsprache und Mathematik, die durchgehend belegt werden sollen, doch gleichzeitig weisen sie darauf hin, daß die meisten Schüler sich ohnehin freiwillig für diese Kombination entscheiden.

Wenigstens hat sich die Kommission zu ein paar "Optionen" durchgerungen: zwei Pflicht- bei insgesamt fünf (bislang vier) Prüfungsfächern oder drei Pflicht- bei insgesamt sechs Prüfungsfächern im Abitur. Doch die Warnung vor solchen Korrekturen folgt auf dem Fuß: "Die Erhöhung der Anzahl der obligatorischen Prüfungsfächer ist zweifellos ein schwerwiegender Eingriff mit erheblichen Nebenwirkungen." Man müsse nämlich "über größeren Aufwand hinaus entweder eine höhere Belastung des Zeitbudgets von Schülern oder wiederum die schwer akzeptable Einengung der Wahlpräferenzen zugunsten der Pflichtfächer und die möglicherweise daraus resultierende institutionelle Gefährdung ,kleiner Fächer` als Prüfungsfächer in Kauf nehmen".

Zu beneiden sind die Kultusminister um diese Beratungsvorlage nicht. Trotzdem, der Bericht der KMK-Expertenkommission verdient Aufmerksamkeit - wenn er in Beziehung gesetzt wird zu einer anderen bildungspolitischen Veröffentlichung, der unlängst in Düsseldorf vorgestellten Denkschrift "Zukunft der Bildung - Schule der Zukunft". Sie geht zurück auf eine Anstrengung des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Johannes Rau, der im Sommer 1992 eine Kommission von Fachleuten, aber auch Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens darum bat, "ihren Sachverstand und ihre Lebenserfahrung zur Verfügung zu stellen, um Antworten auf einige grundlegende Fragen zu finden, die die schnellen und tiefgreifenden Veränderungen in allen Bereichen der Gesellschaft an Bildung und Schule stellen".

Die Zusammensetzung der Kommission - ihr gehören Persönlichkeiten an wie Hilmar Kopper, der Chef der Deutschen Bank, wie Wolfgang Klafki oder Hans-Günter Rolff, ein unermüdlicher Kämpfer für mehr Schulautonomie, und Reinhard Mohn von der Bertelsmann-Stiftung (der noch vor Jahresfrist jegliche Schulreform für ein hoffnungsloses Unterfangen erklärte) - zeigt, daß es längst in der Gesellschaft von links nach rechts, zwischen Pädagogik, Wirtschaft und Politik einen Grundkonse ns darüber gibt, wie die Schule der Zukunft auszusehen hat. Nur das kleinkarierte Alltagsgebaren von Verbänden und Funktionären suggeriert immer noch, die Nation sei in Fragen der Bildung unrettbar entzweit.

Nun wäre es ungerecht, beide Berichte einfach miteinander zu vergleichen. Im "Zukunftspapier" geht es um grundsätzliche Gedanken über das gesamte Schulsystem und im "Oberstufenpapier" nur um das Krisenmanagement für einen bestimmten Ausschnitt daraus. Die Rau-Kommission saß immerhin drei Jahre zusammen, die KMK-Experten noch nicht einmal ein einziges. In ihrem hilflosen Versuch, die Probleme der Oberstufe in den Griff zu bekommen, spiegelt sich die Bildungsmisere in ihrem ganzen Ausmaß wider, während das Zukunftspapier in dem Willen, sie zu überwinden, tatsächlich vernünftige Möglichkeiten vorstellt. Insofern also begründet der KMK-Bericht den der Rau-Kommission.

Die Ursache für Scheitern und Chance der beiden ungleichen Entwürfe steckt weniger in den Einzelheiten. Da gibt es sogar Parallelen, etwa darin, wie hoch beide die fächerübergreifenden Qualitäten, die oft zitierten Schlüsselqualifikationen, einschätzen. Der grundlegende Unterschied liegt in ihrer Definition der Schule überhaupt.