Nichts ist so vertraut wie ein altes Feindbild. Die IG Metall lasse sich an Verantwortungslosigkeit von niemandem übertreffen, schimpfte in diesen Tagen Hans Peter Stihl, der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages. Seit die Arbeitgeber in der Tarifrunde dieses Jahres, nicht ohne eigenes Zutun, eine empfindliche Niederlage einstecken mußten, wird wieder die Angst geschürt vor der großen, mächtigen und unbeweglichen Metallgewerkschaft, die unverdrossen linken Idealen nachhänge. "Die Metaller", meldet die Wirtschaftswoche, "proben wieder den Klassenkampf."

In Neckarsulm haben die Klassenkämpfer andere Sorgen. Frank Stroh, den ersten Bevollmächtigten der dortigen IG-Metall-Verwaltungsstelle, drückt die Monostruktur der Region. Das Unterland ist von der Autoindustrie geprägt. Audi betreibt in Neckarsulm ein Werk, zahlreiche Zulieferer produzieren für Daimler-Benz und BMW, Ford, VW und Opel. Sechzig Prozent der Metallarbeiter sind vom Auto abhängig. Die Krise der Branche traf deshalb die Beschäftigten hart. In den vergangenen drei Jahren gingen 8000 Jobs verloren. Nun sucht Stroh nach Auswegen.

Zusammen mit der Handwerkskammer Heilbronn veranstaltet die IG Metall im kommenden Monat eine Tagung über den "Solar-Standort Baden-Württemberg". Gemeinsam mit der örtlichen IHK, dem Verband der Metallindustrie und dem Landesgewerbeamt hat die Gewerkschaft die Wirtschaftsförderungsgesellschaft Heilbronn gegründet, an der sie auch finanziell beteiligt ist.

Hand in Hand mit der Industrie oder dem Wirtschaftsministerium bieten die Metaller Seminare zu Themen wie Personalentwicklung und Qualifizierung an - Strukturpolitik statt Klassenkampf. "Ich habe", sagt Stroh, "ein entspanntes Verhältnis zu den Vertretern der Wirtschaft."

Beide Seiten profitieren davon. Mit einigen Unternehmen hat die Gewerkschaft flexiblere Arbeitszeiten vereinbart. Damit die Anlagen länger laufen können, müssen etwa die Beschäftigten eines örtlichen Maschinenbauers schon mal fast neun Stunden am Stück ins Werk, dafür hat ihre Arbeitswoche nur vier Tage. Nebenbei stecken die Neckarsulmer Metaller viel Arbeit in die sogenannte Organisationsentwicklung, jenes Großprojekt, mit dem die IG Metall ihre eigenen Strukturen modernisieren, neue Handlungsfelder erschließen und effizientere Arbeitsmethoden entwickeln will. In aufwendigen Interviews wurden die Interessen der Mitglieder ergründet. "Arbeitsplatzsicherung und Strukturpolitik haben für unsere Leute oberste Priorität", hat Stroh so herausgefunden. "Dem müssen wir uns stellen."

Gewiß, Neckarsulm ist nicht überall. Die Verwaltungsstelle im Fränkischen gilt als besonders modern. Und auch Frank Stroh weiß: "Es gibt in der IG Metall noch immer genug Leute, die meinen, man müsse nur genügend Sand ins Getriebe des Kapitalismus streuen, dann wird sich der schon von allein erledigen."

Doch Metaller wie Stroh sind längst keine Ausnahme mehr. Die Delegierten des 18. ordentlichen Gewerkschaftstages der IG Metall, die sich am kommenden Wochenende in Berlin versammeln, suchen vor allem nach einem neuen Profil für die mit knapp drei Millionen Mitgliedern noch immer größte und mächtigste Arbeitnehmerorganisation der Welt. "Dies wird nicht in erster Linie ein Beschluß-Kongreß, viel wichtiger ist das Ringen um unser Selbstverständnis und die Diskussion über unsere Arbeitsweise", meint Walter Riester, Zweiter Vorsitzender und erster Antreiber der Mammutgewerkschaft. "Es wird heftige Debatten geben zwischen den Traditionalisten und jenen, die sich ändern wollen, weil sich auch die Welt geändert hat", ahnt der Stuttgarter Bezirksleiter Gerhard Zambelli.