BELGRAD. - Wo es um das "tragische historische Schicksal der Serben" geht, glauben bosnische Serbenführer wie Radovan Karadzic und Co. noch immer, daß Krieg und Frieden nichts miteinander zu tun haben. "Die Serben haben noch jeden Krieg gewonnen, aber den Frieden danach haben sie meistens verloren", schrieb der "serbische Tolstoj" Dobrica Cosic in einem seiner bekanntesten programmatischen Texte.

Ganz gleich, wie der Krieg in Bosnien-Herzegowina demnächst ausgeht, die Frage bleibt: Wer wird den Frieden gewinnen? Und wie? Andersherum gefragt: Könnten die bosnischen Serbenführer, falls sie diesen Krieg verlieren - schließlich haben sie ja ihre erklärten militärischen Ziele nicht erreicht -, diesmal vielleicht mehr Glück haben als sonst und statt dessen den Frieden gewinnen?

Der serbische Präsident klingt derzeit wie ein hartnäckiger Anhänger des bosnischen Friedensplans (jedenfalls viel mehr als seine Kollegen in Sarajevo und Zagreb) und scheint bereit, alles (oder jeden) für seine Umsetzung zu opfern. Manche Leute denken, er sei darin nicht aufrichtig und deshalb nicht vertrauenswürdig. Und sie haben vermutlich recht. Allerdings war er auch nicht ganz ehrlich, als er zu Beginn des Krieges die Ideologie des serbischen Nationalismus predigte. Milosevic war nie ein Nationalist. Der berechnende Pragmatiker hat immer nur dann die Flammen des Nationalismus angefacht, wenn ihm das gerade dienlich war.

In Wirklichkeit geht es hier nur um eines: wie Milosevic seine Haut und sein politisches Überleben rettet. Seine energischen Versuche, Karadzic und Co. loszuwerden, sollen nicht etwa die internationalen Friedensemissäre besänftigen, sondern vor allem seine gefährlichsten Rivalen eliminieren. Milosevic wird sich auch gegen jeden Versuch einer Teilung Bosniens wehren, der zu einer Vereinigung bosnischer Serbengebiete mit Serbien führen würde. Denn er weiß genau, daß seine bosnischen Landsleute - anders als die bosnischen Kroaten für Franjo Tudjman - seine schärfsten Gegner wären.

Wenn die serbische Polizei jetzt die serbisch-bosnische Grenzlinie an der Drina sorgfältig bewacht, dann soll dies vor allem serbische Flüchtlinge aus Bosnien daran hindern, nach Serbien zu gelangen. Die Aussicht auf Frieden und den Wiederaufbau Bosniens ist die einzige Hoffnung, die Belgrad hat, um sich von zumindest einem Teil der unerträglichen Last von mehr als 700 000 Flüchtlingen zu befreien. Jede andere Politik würde auf dramatische Weise das Risiko steigern, daß mehr als zwei Millionen hungrige und verzweifelte serbische Flüchtlinge nach Serbien kämen und dort bleiben wollten (vierzig Prozent der Serben im früheren Jugoslawien lebten außerhalb der Republik Serbien).

Es sollte also niemanden überraschen, wenn die offizielle serbische Propaganda demnächst jenes alte Lied anstimmt, das lautet: "Was auch immer in den letzten Jahren geschehen sein mag: Die bosnischen Muslime sind natürliche Verbündete der Serben und nicht der Kroaten, denn schließlich schaut ein Muslim doch eher gen Osten als gen Westen." Oder wenn daran erinnert wird, daß der bosnische Präsident Alija Izetbegovic, dem Titos jugoslawische Verfassung das Recht gab, sich als einen "ethnischen Muslim" zu bezeichnen, sich früher als einen "ethnischen Serben muslimischen Glaubens" bezeichnete. Schließlich ist auch die Bundesrepublik Jugoslawien (Serbien und Montenegro) ein echter multi-ethnischer und multikultureller Staat, denn nur 62,6 Prozent der Bevölkerung sind ethnische Serben.

Es ist also nur schwer vorstellbar, daß die Belgrader Führung es sich jetzt leisten könnte, die "nationale Politik" jener bosnischen Serbenführer zu verfolgen, die gerne behaupten, "eine Kohabitation verschiedener ethnischer Gruppierungen in einem Staat ist unmöglich". Wenn ein multi-ethnisches Bosnien wirklich so unmöglich wäre, warum sollten dann Serbien oder die Bundesrepublik Jugoslawien in ihren gegenwärtigen Grenzen überlebensfähig sein? Tatsache ist aber auch, daß ein echter Mehrvölkerstaat Bosnien-Herzegowina, um für alle drei Volksgruppen annehmbar zu sein, ganz anders aussehen müßte als jener, der zur Zeit in Sarajevo von der muslimischen Nationalistenpartei SDA errichtet wird.