Brauchen wir ein "Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus"? Und wenn ja: Was kann, was sollte es leisten in einer Zeit, in welcher der sens commun unwidersprochen dekretiert, der Marxismus - nicht etwa seine Schrumpfform und Schwundstufe als Marxismus- Leninismus - gehöre "zur abgesagtesten Theorie der Gegenwart" (so ein Rezensent der FAZ).

Es gibt mehr als einen Grund, daran zu zweifeln, daß die Zeit des Marxismus - nicht als unfehlbare, die Geschichte überwölbende Wahrheit, sondern als variantenreiche Hermeneutik vergangener und gegenwärtiger Gesellschaften und Geschichten - passé ist. Der nächstliegende ist, daß soziopolitische Fragen, die noch vor ein paar Jahren im Namen des Marxismus gestellt wurden, sich nicht dadurch erledigt haben, daß sein wichtigstes materielles Referenzsystem, der Sowjetkommunismus und seine Satelliten (siehe Stichwort "befehlsadministratives System"), von der Bildfläche verschwunden ist. Die Fragen sind geblieben, und die Antworten stehen weiter aus. Schon deshalb ist das HKWM nützlich.

Ironischerweise leistet der Herausgeber des voluminösen Begriffslexikons, Wolfgang Fritz Haug, der offengestanden eher dümmlichen Ansicht (siehe Stichwort "Dummheit"), mit dem Marxismus sei es vorbei, unfreiwillig Vorschub, indem er im Vorwort zum ersten Band das Ende Gorbatschows und den Untergang der Sowjetunion mit einem "epistemologischen Einschnitt" gleichsetzt. Eigentlich müßte Haug wissen, daß, wenn schon ein epistemologischer Einschnitt bemüht wird, welcher marxistisches Denken tangiert, dieser historisch früher anzusetzen ist - etwa in den zwanziger Jahren mit der Stalinisierung der Sowjetunion und der europäischen kommunistischen Parteien (Stichwort "Bolschewisierung") oder in den dreißiger und vierziger Jahren mit der Destruktionspolitik des Nationalsozialismus (Stichwort "Auschwitz"). Daß der "Schmerz des Negativen" respektive Walter Benjamins "rettende Kritik" erst mit dem Scheitern Gorbatschows in ihr Recht treten sollen, mutet mehr als befremdlich an bei einem Unternehmen, dem "die Stunde der Reflexion" geschlagen hat.

So geschieht es, daß viele Einträge des HKWM, eingestanden oder uneingestanden, einer Sicht der Dinge verpflichtet sind, die von dem gerade mal siebzig Jahre währenden historischen Transitorium Sowjetunion partout nicht loskommt. Als kulminiere die geistige und materielle Gestalt des Marxismus in Lenins coup d'état von 1917 und in der berühmten Formel vom Sozialismus = Sowjetmacht plus Elektrifizierung, erfährt der Sowjetmarxismus eine extensive Würdigung, die ihm der Sache nach nicht zusteht. Folgerichtig weist denn auch das Namensregister Lenin (vor Haug und Hegel) als die meistzitierte Person aus. Diese Perspektive hat nicht zuletzt die Konsequenz, daß in einer Reihe von Beiträgen erkenntnis- und kunsttheoretische Fragen behandelt werden, die mit Marx und dem Marxismus wenig zu tun haben, viel aber mit jener beschränkten Sichtweise, wie sie für den sogenannten Marxismus-Leninismus charakteristisch war. Unter dem Lemma "Abbild" wird immerhin konzediert, daß dieser und verwandte Begriffe weniger eine erkenntniskritische oder ästhetische Funktion hatten als vielmehr schlicht eine polizeistaatliche, mit der Philosophie und Kunst auf eine vorgegebene politische Linie verpflichtet wurden. Hier hätte man sich manche weitläufige und schon vor zwanzig Jahren obsolete Erörterung ersparen können.

Der systematischen Überbelichtung des Sowjetmarxismus und seiner Ableger entspricht eine systematische Unterbelichtung des Beitrags der Kritischen Theorie zur Marxismus-Diskussion. Obwohl häufig zitiert, spielt Adorno nicht selten die Rolle des Hofnarren im Königreich der Dialektik. So wird dem von ihm favorisierten "Beckett-Paradigma" unter dem Stichwort "bestimmte Negation" bescheinigt, es tendiere zum "Lager des Absurdismus" - als sei es unangemessen, die Welt für absurd zu halten. Daß Haug und seine Mitstreiter es lieber mit dem "Brecht-Paradigma" halten (siehe "Brecht-Linie"), ist zwar ihr gutes Recht, sollte aber ihren Blickwinkel zumal unter dem Anspruch, einen "pluralen Marxismus" zu Wort kommen zu lassen, nicht so sehr einschränken, daß die produktive Fortentwicklung marxistischen Denkens durch die Kritische Theorie zur Marginalie gerät. Vielleicht ist die Tatsache, daß im Artikel "Bewußtsein" der Name Freuds nur einmal und ganz beiläufig auftaucht, genau jener Ausblendung geschuldet, zählt es doch zu den zentralen Leistungen Adornos, die Freudsche Subversion des Bewußtseins einer materialistischen Theorie der Gesellschaft integriert zu haben.

Bei einem Wörterbuch dieses Volumens und dieses Anspruchs ist es immer leicht, eine lange Mängelliste aufzumachen. So kann man bedauern, daß das Stichwort "Bolschewismus" ganz fehlt und "Arbeiterbewegung", "bürgerliche Gesellschaft" und "Demokratie" vergleichsweise knapp erläutert werden, während "Bourgeoisie", "Dialektik" (vor deren Mißbrauch Adorno mit Recht gewarnt hat) und "Dummheit in der Musik" mehr als üppig bedacht werden. Und natürlich schwankt die Qualität der einzelnen Beiträge beträchtlich. Über all dem sollte man freilich nicht vergessen, daß ein Wörterbuch wie das HKWM lange ein Desiderat war. Denn wo konnte man sich bisher informieren, wenn man präzise Auskünfte über arabischen Sozialismus, asiatische Produktionsweise, disponible Zeit und die Drei-Welten-Theorie brauchte? Überaus verdienstvoll und den Gebrauchswert des Nachschlagewerks erhöhend ist auch, daß die sozusagen klassische marxistische Lexik um Begriffe erweitert worden ist, die in den heutigen gesellschaftspolitischen Debatten eine Rolle spielen, etwa im Umfeld des Feminismus und der Ökologiebewegung. Und daß dieses Lexikon, übrigens in bester marxistischer Tradition, Ernst macht mit der Herausforderung, welche die rasend voranschreitende Globalisierung der Märkte und die damit einhergehende Depotenzierung nationalstaatlicher Politiken bedeuten, zählt zu seinen ganz großen Vorzügen. Es ist ja fast ein Treppenwitz der Weltgeschichte, daß die alte sozialistische Parole vom "Absterben des Staates", die einst Friedrich Engels ausgegeben hat, heute ausgerechnet von jenen in die Tat umgesetzt wird, die sie, wie den Marxismus insgesamt, immer erbittert bekämpft haben.

Wieviel Marxismus braucht der Mensch? Gewiß nicht so viel, daß er nichts anderes neben und außer ihm gelten läßt. Aber doch wiederum so viel, daß er bei aller massenmedialen Verblödung immer noch der Erkenntnis fähig ist, daß die globale kapitalistische Monokultur, die vor keiner Sozial- und Naturschranke haltmacht, dringend eines gesellschaftlichen und politischen Korrektivs bedarf, sollen unsere Kinder eine Zukunft haben. Insofern wäre es mehr als bedenklich, wenn die Fortführung des "Historisch-kritischen Wörterbuchs des Marxismus" an fehlenden Fördermitteln scheitern würde.