Dieses Buch versammelt Beiträge aus den Jahren 1989 bis 1994. Es enthält politische Portraits unter anderem über Richard von Weizsäcker, der, meint die Autorin, die "Politik im Rücken und den Zeitgeist im Sinn" gehabt habe, und über Gorbatschow, den "Helden des Untergangs". Besonders engagiert schreibt Frau Seebacher-Brandt - sie ist im Januar 1995 aus der SPD ausgetreten und seit kurzem Direktorin der Deutschen Bank - über tote Sozialdemokraten, die sie bewundert, über Ernst Reuter, den Berliner Bürgermeister, oder Julius Leber, den "Volkstribun als Verschwörer". Daneben stehen ihre Streitschriften gegen alle, die als Schuldige für die "nationale Zerknirschtheit der Deutschen" verdächtigt werden.

Von ihren Portraits läßt sich einiges lernen über die Personen, ihre Zeit und das politische Drama, deren Teil sie waren, auch über die immerwährenden Ursachen für den Niedergang der SPD. Von ihren Essays läßt sich das nicht behaupten: Über ihnen liegt eine aggressive Bitterkeit gegen Land und Leute, vor allem gegen die (linke) politische Klasse, ein Ressentiment, das den Blick trübt und das Urteil verkrampft. Roß und Reiter nennt sie nur selten, doch läßt sie keinen Zweifel, wer oder was ihr zuwider ist: "die Neigung der deutschen Nachkriegsdemokraten, die Dinge treiben zu lassen"; eine Politik, "in der alles zerredet und nichts entschieden wird"; vor allem die "kollektiven Selbstanklagen", die das Land, in ihren Augen, unfähig machen, seine Probleme zu bewältigen; schließlich alle, "die die Einheit nicht gemocht haben".

So geraten auch richtige Beobachtungen in einen schrägen Zusammenhang. Daß den politischen Parteien Konturen fehlen, ist ein nicht eben origineller Vorwurf. Die politische Mitte sei dort, "wo die Ruhe herrscht . . ., wo alles Mögliche gewechselt wird nur nicht die Macht". Hübsch gesagt, aber daß die alte Bundesrepublik in der Mitte endlich zur Ruhe gekommen ist, hatte und hat ja auch etwas für sich, nach allem, was war. Die Kritik der Autorin an Personen und Parteien, die die Mitte bevölkern, ist in Wahrheit eine prinzipielle, eine radikale Absage: "In der Mitte wird prägende Kraft nie entfaltet", verkündet sie und klagt, daß es in Deutschland politische Richtungen so schwer haben. Ihre Ressentiments gegen den Status quo verbergen nur schlecht einen Begriff von Politik und die Hoffnung auf ein Land, in dem wieder starke Politiker, entschlossene "Tatmenschen" die Seele des Volkes lesen und dann "führen und nicht nur ausführen".

Diese Perspektive prägt auch noch die besseren politischen Portraits, die der Band enthält. An Ernst Reuter, dem Berliner Bürgermeister der Blockade, gefällt ihr, daß er "ein Mann der Tat" war. Wie so oft lesen sich ihre Komplimente für die toten als Kritik an den lebenden Sozialdemokraten. Vor allem möchte sie an Reuter zeigen, daß es die SPD schon immer schwer hatte mit ihren populären Figuren: Die "Kleingeisterei von Funktionären" lasse eben jene scheitern, die "die Stimmung der Bevölkerung" erkannt haben. Ernst Reuter war so beliebt, daß ihm die Menschen nach seinem Tod Kerzen angezündet haben, wie sie andächtig berichtet: Berlin 1953 "im Glanze seiner Lichterketten" hat sie noch nicht in Rage gebracht.

Und Julius Leber, der Lübecker Reichstagsabgeordnete, Mann des Widerstandes um den 20. Juli, möglicher Innenminister oder Regierungschef danach, ist für die Autorin vor allem das Beispiel eines konservativen und antikommunistischen Antifaschisten.

Sie meint sich selbst, wenn sie über ihn schreibt: "Er rechnete gnadenlos ab mit einer Partei, die ihre Verbindung mit den Instinkten und dem Glauben ,der unbekannten und namenlosen Masse des deutschen Volkes` verloren habe . . . Persönlichkeiten sind gefragt, nicht Programme."

Es ist wohl wahr: Sozialdemokraten haben sich oft genug verhalten wie Fremde im eigenen Land, auf der Suche nach einem anderen Volk. Heute aber hat die Krise der SPD politische Ursachen. Nicht nur ihr, aber ihr ganz besonders, fällt es schwer, zeitgemäße Reformen zu denken und zu verwirklichen. Der Blick zurück im Zorn ist dabei wenig hilfreich.