BERGEN. - Eigentlich sollten die Ergebnisse des Projekts kommende Woche der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Doch die eingeladenen Vertreter der Parteien und der Bundeswehr paßten. Keine Zeit, um über eine gerade abgeschlossene Studie zu diskutieren, wie ein Truppenübungsplatz - wenn er denn nicht mehr gebraucht wird - zivil zu nutzen sei.

Dabei geht es nicht um irgendeinen TÜP, wie Fachleute abzukürzen pflegen, sondern um den größten in Westeuropa: In Bergen, am Rande der Lüneburger Heide, üben jährlich rund 100 000 deutsche und ausländische Soldaten mit ihren Panzern auf einer fast 300 Quadratkilometer großen Fläche. Und hier wird geballert. Jedes Jahr werden 1,5 Millionen Schuß mittleren und schweren Kalibers sowie zehn Millionen Schuß mit Handfeuerwaffen abgegeben, verzeichnet die Statistik.

Grund genug für Niedersachsen, die vor zwei Jahren begonnene Studie der Stiftung Die Schwelle aus Ottersberg bei Bremen mit 500 000 Mark zu fördern. Werden die Niedersachsen doch durch die großen Flächen der hiesigen Truppenübungsplätze besonders durch Lärm und Militärverkehr belastet. Viele Anwohner, die bis 1989 zähneknirschend den täglichen Krach ertrugen, hofften nach dem Fall der Mauer und der Auflösung des Warschauer Pakts, daß es mit dem Geknalle ja nun bald ein Ende habe.

Tatsächlich ist seitens der Bundeswehr geplant, von den 320 000 Hektar Übungsfläche in Deutschland in Zukunft nur noch 260 000 zu nutzen. Bergen ist mit Abstand der größte aller 32 deutschen Truppenübungsplätze. Und er ist der Bundeswehr lieb und teuer: So eine Riesenfläche will sie sich nicht nehmen lassen. Zukünftig sollen hier mehr als zwanzig Prozent aller deutschen Panzerschießbahnen angesiedelt sein, das militärische Geschehen wird intensiviert.

Die Studien haben nun mit zwei Legenden aufgeräumt. Zum einen handelt es sich hier zwar um einen Nato-Truppenübungsplatz, doch bis auf unbedeutende Flächen untersteht er der deutschen Verfügungsgewalt. Zudem besteht ein Anspruch der deutschen Seite auf Rückgabe der Liegenschaften, wenn "ein eindeutiges Interesse an einer anderweitigen Nutzung" vorliegt. Sprich: Bei entsprechendem politischem Willen wäre eine Konversion möglich.

Zweites Ergebnis: Seit 1990 werden kontinuierlich Arbeitsplätze für Zivilbeschäftigte der Armee abgebaut, das Militär ist auch bei Erhalt des Platzes kein sicherer Arbeitgeber mehr. 650 Stellen für deutsche Beschäftigte sind in den letzten Jahren vor allem bei der britischen Armee gestrichen worden. Von den 13 000 deutschen Einwohnern Bergens haben 1400 einen militärischen Arbeitgeber. Ihnen ist jede Diskussion um den Truppenübungsplatz ärgerlich. Als eine Bürgerinitiative mit dem Hinweis auf das Ende des Kalten Krieges und die Lärmbelästigung die Schließung forderte, sammelten Bürger in Bergen und Umgebung in kurzer Zeit 8000 Unterschriften für den Erhalt des Schießplatzes.

Solange es noch Arbeit in dieser strukturschwachen Gegend gibt, will man sie sich nicht von Wissenschaftlern zerreden lassen. Und auch die Studien kommen zu dem Schluß: Ohne die Förderung durch Landes- oder Bundesmittel sieht es für Arbeitsplätze schlecht aus. Eine Fachhochschule oder Berufsakademie wird vorgeschlagen, ein Recyclingzentrum gilt in der Nähe der Autobahn Hannover-Hamburg als profitabel, ein Konzept für einen sanften Tourismus am Rande der Heide wurde ausgearbeitet. Am ehesten scheint kurzfristig der Abbau von Erdgas verwirklichbar zu sein, fünfzig Milliarden Kubikmeter werden hier vermutet.