Am 1. Juli 1944 schrieb Paul Celan - er hieß damals noch Paul Antschel - einen Brief an seinen Freund Erich: "Lieber Erich, ich bin für zwei Tage in Kiew (auf Kommandirowka) und freue mich auf die Gelegenheit, Dir einen Brief zu schreiben, der Dich rasch erreicht.

Deine Eltern sind gesund, Erich, ich habe mit ihnen gesprochen, bevor ich hergekommen bin. Das ist sehr viel, Erich, Du kannst Dir nicht vorstellen, wie viel.

Meine Eltern sind von den Deutschen erschossen worden. In Krasnopolka am Bug.

Erich, ach Erich.

Viel ist zu erzählen. Du hast so viel gesehen. Ich habe nur Demütigungen erlebt und Leere, unendliche Leere. Vielleicht kannst Du nachhause kommen. Konrad Deligdisch ist gekommen . . ."

Dieser Brief hat meinen Vater, Erich Einhorn, in Osch, einer kleinen Stadt in Zentralasien, erreicht. Beim Abzug der sowjetischen Armee aus Czernowitz ging Erich Einhorn, der damals an der Philologischen Fakultät der Czernowitzer Universität studierte, ins sowjetische Hinterland. Zusammen mit den anderen Studenten der Universität setzte er sein Studium erst in Rostow und nach der Besetzung von Rostow durch die Deutschen in Osch (Kyrgystan) fort. Er ließ seine Eltern in Czernowitz zurück kurz vor dem Einmarsch der Deutschen und wußte nichts von ihrem weiteren Schicksal. Paul Antschel, der nicht in die Sowjetunion ausreisen wollte, blieb in der von den deutschen und den mit ihnen alliierten rumänischen Truppen besetzten Stadt. Erich Einhorns Eltern überlebten. Es gelang ihnen durch einen glücklichen Zufall, der Deportation zu entgehen. Anders Paul Celans Eltern: Als Paul eines Tages frühmorgens aus seinem Versteck nach Hause kam, waren sie verschwunden.

Keiner der Czernowitzer Juden, deren Muttersprache Deutsch war und die mit Stolz ihr Deutschtum pflegten und es all die Jahre der rumänischen Herrschaft (die Bukowina war bis 1917 als selbständiges Kronland Teil der k.u.k. Monarchie, von 1918 bis 1940 gehörte sie zu Rumänien) mit einem gewissen Hochmut verteidigten, dachte, daß das, was später passierte, möglich wäre. Goethe und Schiller in vergoldeten Einbänden, unentbehrliche Attribute jeder guten Stube in Czernowitz, wurden Zeugen dieses Untergangs. Celans Eltern wurden in Krasnopolka am Bug ermordet. Der Brief an Erich Einhorn scheint die einzige Erwähnung ihres Todesortes zu sein.