In seinem Essay "Strawinsky bleibt" hatte Pierre Boulez den Jazz im Visier "mit seiner armseligen Synkope und dem unweigerlichen Viervierteltakt". Nachhilfe kam von Miles Davis. Seine Botschaft war: In jedem Viervierteltakt können Galaxien stecken. Man muß nur seine feinen philharmonischen Ohren aufmachen. Maler oder Dichter sind einsam. Jazz dagegen ist eine soziale Kunst, die sich oft an asozialen Plätzen entfalten muß. Jazzclubs, das waren und sind meist schmierig-schwierige Untertagebauten, schlecht belüftet, fragwürdige Akkustik. Es ist eng dort. Man kann die Bartstoppeln der Musiker zählen, irgendwie sitzt man ihnen unterm Hemd. So entsteht eine Intimität besonderer Art.

In so einem Saftladen, dem "Plugged Nickel" in Chicago, spielte der Trompeter Miles Davis in den Nächten des 22. und 23. Dezember 1965. Mit auf der Bühne: Wayne Shorter (Tenorsaxophon), Herbie Hancock (Klavier), Ron Carter (Baß) und Tony Williams (Schlagzeug) - welch ein astrales Quintett! Brillant, wagemutig und zynisch beim Zersägen einiger Entertainment-Kadaver. Das transportable Aufnahmegerät aus jenen Jahren bereitete Kummer, das Tonbandmaterial war dürftig, die Spulen zu klein. Einige verschwanden, sind wiederaufgetaucht. Und so ist diese Kassette eine beachtliche Restaurierungsleistung: "miles davis the complete live at the plugged nickel 1965" (8 CDs, Sony CXK 66955).

Rund sieben Stunden Musik sind so wiedererstanden mit phantastischen Improvisationen. Als hätten die fünf Amerikaner einen Spruch des Alten von Weimar abgewandelt: Man spielt nicht Jazz, um anzukommen. Man spielt auch nicht so alte Broadway-Brauereipferde wie "My funny valentine" von Richard Rodgers oder "Stella by starlight" von Victor Young aus Begeisterung für die weißen Komponisten, sondern aus Pragmatismus. Diese Stücke haben harmonische Strukturen, an denen sich Improvisationskletterkünste besonders gut entfalten können. Schon nach wenigen Minuten ist die Melodie im Strudel der genialen Modulationsexzesse verschwunden. Kein Sterblicher erkennt sie wieder, genausogut könnten sie "Die Post im Walde" spielen. Hier geht es nicht nur um Abstraktionsprozesse, sondern auch um den Versuch, die Gravitation zu überwinden. Sie heben ab, und huiii-- tauchen sie ein in das unheimliche Fließen der Musik, in der die Einfälle wie gewaltige Meteoritenschauer umherfliegen. Und sie sind dabei völlig entspannt. Der begeistert-verdutzte Zuhörer, der durch die raffinierten Asymmetrien des höllischen Quintetts taumelt, beginnt an Wunder zu glauben. Wie bringen sie diese Tempowechsel zustande? Wo ist die Eins? Wo sind die 32 Takte der Komposition zu Ende? Warum wirken sie nach vier Stunden Streß noch so frisch?

Als er noch lebte, hat Miles Davis gesagt: "Was wir gemeinsam gespielt haben, das muß irgendwo in der Luft schweben, denn dorthin haben wir's geblasen, und dieser Scheiß war magisch und spirituell." Geisterhaft spielt Miles Davis Thelonious Monks Nachtlied "round about midnight". Es beginnt tröpfelnd, desolat. Husten im Hintergrund, irgend jemand quatscht. Das hätte dem großen Monk gefallen. Miles Davis scheint seine Imitatoren aus der Grube zu grüßen: "Ihr könnt einpacken. Mich äfft keiner nach!"

Michael Naura