Paris

Frankreich langweilt sich", titelte seinerzeit Le Monde, just bevor die 68er-Unruhen ausbrachen. "Wäre es bloß ein bißchen langweiliger", stöhnt statt dessen dieser Tage mancher Franzose.

In Frankreich beginnt das Jahr im Herbst mit der rentrée, der Rückkehr aus den langen, langen Sommerferien. Diesmal hat es schlecht begonnen: mit Terror und Streiks, mit ausländischer Kritik und politischer Konzeptlosigkeit.

Bei Gibert Jeune, der riesigen Buchhandlung an der Place Saint-Michel, drängen sich erschöpfte Eltern mit zappelnden Kindern. Schultornister, Bücher, Hefte, Bleistifte müssen beschafft werden. Stündlich werden tausend Kunden abgefertigt, insgesamt gehen bei Gibert Jeune wie bei jeder rentrée scolaire hundert Tonnen Schulhefte und hunderttausend Schulbücher über die Ladentische. Außergewöhnlich sind diesmal die in blaue Kampfanzüge gewandeten Sicherheitskräfte, die beim Eingang jedes Gesicht mißtrauisch beäugen, jede mitgebrachte Tasche gründlich durchsuchen. Denn gleich daneben, in der Metrostation Saint-Michel, nahm diesen Sommer die schreckliche Terrorserie ihren Anfang. Seither wimmelt es in der Kapitale von Polizisten, verstärkt noch durch mittlerweile 4300 Soldaten. Insgesamt mobilisiert "Vigipirate", der Antiterror-Notfallplan, fast 32 000 Sicherheitskräfte. Bewaffnete Trupps in der Untergrundbahn, Kontrollen auf den Straßen, Absperrungen vor Schulen, Warnschilder in Postämtern, versiegelte Mülleimer allenthalben - die Bombengefahr ist ständig präsent.

Am Dienstag voriger Woche forderte ein neuerlicher Anschlag in der Metro 29 Verletzte. Dabei wollten die Franzosen nach einem Dutzend Attentaten endlich aufatmen. Hatten nicht die Sicherheitskräfte in einem Wald bei Lyon kurz zuvor den jungen Algerier Khaled Kelkal nach großangelegter Fahndung, nach tagelanger Verfolgungsjagd gefunden, gestellt und schließlich - so die nicht unumstrittene offizielle Version - "in Notwehr" erschossen? Allein, mit seinem Tod wurde es nicht ruhig. Jeden Augenblick ist weiterhin mit dem Schlimmsten zu rechnen, nun schon seit drei Monaten.

Offenbar ist eine Vielzahl von Gruppen am Werk. In den tristen Vorstädten finden sich reichlich Leute wie Kelkal, enttäuscht, verzweifelt, schlecht integriert. Die teuflischen Drahtzieher des Terrors machen sie zu gewalttätigen Handlangern. Khaled Kelkal war in Vaulx-en-Velin zu Hause. Dessen Bürgermeister schreibt in einem Zeitungsbeitrag ausdrücklich "Vaulx-en-Velin, Frankreich." Eine Selbstverständlichkeit? Eben nicht. Die Vorstadt war bislang für manche Franzosen so fremd und so fern wie Bosnien. Nun drängt sie jäh ins Herz des bourgeoisen Paris. Mit ihren Sorgen, ihren Gefahren, ihrer Gewalt.

Zugleich schwappt der Algerienkrieg über das Mittelmeer nach Frankreich, wie schon 1961, als die OAS (Organisation Armée Secrète) mit einer Serie blutiger Attentate gegen die Unabhängigkeit des Landes mobil machte. Was aber könnte Jacques Chirac tun, um sein Volk aus der Schußlinie zu bringen? Zwar fordern alle von Frankreich eine klare Haltung, Lösungsvorschläge, Antworten; aber naturgemäß fällt es keinem Staat so schwer, diese Erwartungen zu erfüllen, wie just der einstigen Kolonialmacht. Auch noch unter François Mitterrand hat Paris getreulich und einäugig die Machthaber in Algier unterstützt - genauso wie in Schwarzafrika. Erst sehr spät begann die Distanzierung. Während in der Regierung Balladur Innenminister Charles Pasqua es weiterhin mit den Generälen hielt, ging Außenminister Alain Juppé erst zögernd, später deutlicher auf Abstand. Dennoch flossen und fließen weiterhin jährlich gut eineinhalb Milliarden Mark Hilfsgelder nach Algier. Sie kommen zweifellos auch dem algerischen Volk in seinem harten Los zugute, helfen aber zugleich dem blutigen Regime, seine Macht zu festigen.