Um ehrlich zu sein: Ich habe es satt. Einmal, in Zahlen 1 mal, also ein einziges Mal habe ich meinem Unmut über die Dumpfheit und Freiheitsunlust der Ostdeutschen Luft gelassen, angekündigt als wissentliche Ungerechtigkeit und trotzdem ernst gemeint. Seitdem lese und höre ich, pausenlos hätte ich meine ostdeutschen Mitbürger undsoweiterundsofort. Auch Baumgart meint nun, ich hätte, ähnlich wie Stefan Heym, den Ostdeutschen als Außenstehende oder sogar als Schiedsrichter Punkte erteilt oder verweigert. Ich kann nicht erwarten, daß alle lesen, was ich schreibe, obwohl es ja wenig genug ist. Wer aber über meine Haltung zu einer Sache urteilen will, sollte doch mehr kennen als ein paar Zitate aus anderen Zeitungen. Denn selbst der von Baumgart angesprochene Text enthält anderes, als er zitiert.

Meine Enttäuschung über das Verharren der Ostdeutschen in infantiler Klage und gewohnter Hamsterei, in mangelndem Selbstbewußtsein und pubertärem Trotz war nicht die eines Zuschauers, sondern die eines Mitspielers. Bis 1988 hatte ich mit den Leuten, über die ich schrieb, in der gleichen Kaufhalle eingekauft, die Reste der gleichen Rinder gegessen, deren Filets bei Meyer der Reichelt verkauft wurden, ich habe ihre Resignation verstanden, ihre Mutlosigkeit verteidigt und gehofft, sie würden sich über das Ende der DDR freuen wie ich. Ich glaube, daß mein heftiger Seufzer unter dem Titel "Zonophobie", dem ein geübter Leser wie Reinhard Baumgart seinen satirischen Ton nicht absprechen wird, die Ostdeutschen weniger hätte kränken müssen als das therapeutische Getue vieler Westdeutscher, die ihren Ekel zwischen der Toscana und dem Tessin heimlich vor sich hingemurmelt und ihre rigorosen Wahrheiten dem sicheren Feld des Rechtsradikalismus oder des Kohlschen Saumagens vorbehalten haben.

In den letzten Wochen habe ich erlebt, daß eine Behauptung allein durch stetige Wiederholung zur Wahrheit zu werden droht, was mich veranlaßt, hier einmal die Kette der Wiederholungen zu unterbrechen: Ich habe nicht pausenlos und unermüdlich, schon gar nicht als Schiedsrichter, sondern ich habe mich in etwas eingemischt, das mich anging und das auch meine Sache war.

Monika Maron, Berlin