Reisende durch die Welt der Computernetze können neuerdings von wunderlichen Erlebnissen berichten. Unvermutet waren sie in eine fremde Welt geraten. Ein Dorf vielleicht, was sich da plötzlich auf dem Bildschirm zeigte, ein paar Straßen, buntes Volk spazierte darin herum, hie und da in Gespräche vertieft, wie man sah, denn über den Köpfen stiegen unentwegt Sprechblasen auf. Und schon kam womöglich ein älterer Herr herbei, verbeugte sich und fragte nach dem werten Befinden.

An vielen Stellen des Internet und in etlichen Online-Diensten entstehen derzeit solche Welten. Die bislang größte hat Compuserve aufgebaut. Gibt man dort das Kommando "Go away" ein, so verschlägt es einen geradenwegs in das Land Kymmeria, wo seit Anfang August reges Leben herrscht. Das System befindet sich noch in der Testphase, und doch sind bereits 23 000 Einwohner dort gemeldet, so daß man kaum um eine Ecke biegen kann, ohne jemandem zu begegnen.

Natürlich brächte kein Computer solch ein Treiben zustande. Hinter jeder Figur dieser Bildschirmwelten sitzt ein Spieler, eine Spielerin irgendwo auf Erden und steuert per Tastatur und Maus den Stellvertreter, den Avatar, wie man sagt, durch das Spiel. Dieser Avatar ist ein gehorsamer Gesell. Soll er etwas sagen, so gibt man den Text ein, und sogleich erscheint er als Sprechblase, allen Mitspielern sichtbar, auf dem Bildschirm. Ein Mausklick, und der Avatar läuft zur befohlenen Stelle, ein Tastendruck, und er winkt, zieht eine Schnute oder tut einen Hüpfer.

Bekanntlich sind die heutigen Netze kaum in der Lage, bewegte Bilder zu transportieren. Daß es dennoch funktioniert, verdankt sich einem Trick: Es werden nur die unbedingt nötigen Daten übertragen. Alle Spieler besorgen sich zunächst die erforderliche Software. Darin enthalten ist die Spielwelt mit all ihren Bestandteilen. Im Falle von Worlds Away, der virtuellen Welt von Compuserve, sind das selbst in komprimierter Form noch neun Megabyte. Sobald das Programm auf dem heimischen Rechner installiert ist, kann sich dort der Großteil des Geschehens abspielen, und nur noch die Befehle, die die Figuren steuern, müssen übers Netz ausgetauscht werden.

Im Mittelpunkt dieser Welten stehen die Avatare, die Repräsentanten der Spieler. Der Begriff entstammt dem Hinduismus. Dort bezeichnet er den Körper, den sich die Götter zusammensetzen, wenn sie geruhen, zur Erde hinabzusteigen. Die Einwohner von Kymmeria dürfen es ihnen gleichtun: Aus einem reichhaltigen Fundus basteln sie sich die Erscheinung, die ihnen genehm ist.

Neulinge suchen sich zunächst einmal Köpfe und Körper aus, sie üben, wie die Figur sich bewegen läßt, und sie geben ihr einen Namen. Gelegentlich finden sie ein paar Münzen, die sie tunlichst in die virtuelle Hosentasche stecken, da das Leben in Kymmeria nicht billig ist. Vor allem der Kauf von hübschen Zweit- und Drittköpfen geht ins Geld.

Wer immerzu fleißig Münzen und Werkzeug gesammelt hat, kann eines Tages ein Häuschen bauen und die Freunde zum Tee bitten. Es kommt auch vor, daß ein Avatar beim anderen über Nacht bleiben darf. Das gilt, in Ermangelung von virtuellem Sex, als die höchste Form der Intimität, die das Leben in Kymmeria bislang gestattet.