Alle Jahre wieder. Die Donaueschinger Musiktage sind in gewisser Weise mit dem Weihnachts(vor)abend verwandt. Haben sie doch mit ihm so Wichtiges wie Unwesentliches gemeinsam: die Vorfreude etwa, die Spannung, die Ungeduld, das Glück auf und über das, was an Überraschungen ausgedacht, vorbereitet, geheimnisvoll verpackt und dann liebevoll präsentiert wurde - freilich auch die Enttäuschung über das, was aus Ignoranz oder mit falschem Anspruch, als beiläufige Geste oder in nichtssagender Routine würdelos dem Empfänger hingeworfen wurde.

Alle Jahre wieder stellt sich indes auch mit den Winzern ringsum die bange Frage nach der Lese: War es ein "guter Jahrgang"? Und schließlich schreibt alle Jahre wieder jemand kurz vor dem Saldo-Strich das ja nicht nur vordergründig formulierte Monitum "Für wen findet das Ganze überhaupt statt?" auf die Rechnung.

Alle Jahre wieder hält der seit 1992 amtierende Planungschef Armin Köhler es für richtig, den Musiktagen eine Art Generalnenner verpassen zu sollen, in diesem Jahr "das alte(,) doch immer wieder aktuelle Verhältnis von Musik und Sprache". Ein Schelm, der dabei nicht nur Gutes denkt. Der darauf verweist, daß all diese Beziehungen zwischen der "tönend bewegten Form" und ihren Parametern Raum und Zeit wie auch die Frage nach der Sprachfähigkeit von Musik bei Stockhausen und Zimmermann, Boulez und Xenakis, bei Cage und Feldman, Nono und Ligeti intensivst behandelt wurden; daß sie aber dort nicht herbeigeredet werden mußten, sondern sich vor und in der Kompositionsarbeit einstellten. Umgekehrt Nachweise solcher Problem-Aktualität führen zu wollen heißt Wünschelrutengänger-Arbeit zu leisten nach Art der bunten Illustrierten, die jede Woche einen neuen Trend zu erfinden haben - und dies ohne Rücksicht auf Qualität.

Gewiß ist die Stille wie die Verweigerung als künstlerische Aktivität bekannt - mit seinem stummen Stück 433 machte John Cage (unter anderem) die Zuhörer in all ihren Un-Mut-Äußerungen zu Mitwirkenden. Aber das war 1952. Wenn heute der Holländer Antoine Beuger eine Sopranistin und einen Pianisten auf die Bühne schickt, damit sie dort "etwas (lied)" uraufführen, wir freilich mehr als sechs (stumme, aber immer lautere) Minuten warten, ehe erste Ton der Sängerin zu vernehmen ist, der erste Klavierton gar gegen 1200 sich "ereignet", im weiteren Verlauf technisch gesehen das geschieht, was eine Sängerin im Solfège-Unterricht praktiziert, wobei der Pianist allenfalls zur Intonationskorrektur einen kalten Ton a nschlägt - dürfen wir uns mit dem Komponisten (im Programmheft) fragen: "Was ist Singen? Was ist Klavierspielen? . . . Was ist Musik?" Vorstellbar, daß wir inzwischen längst (wieder) andere Überzeugungen und Ansprüche haben als Antoine Beuger, der wohl nicht ohne Grund 1984 beschloß, "sich nicht mehr mit Musik zu beschäftigen" und Broker bei einer amerikanischen Investment Bank wurde.

Oder "Aggregat, Ton-Film", eine "Sprechoperation von Bändern, vernetzt mit versunkenen Sprachblättern" von Carlfriedrich Claus, der im sächsischen Annaberg schon früh mit Tonband- und Schreib-"Collagen" sich über eine vorwiegend politisch begründete Isolation hinwegarbeitete. "Aggregat" geht von "Sprechprozessen" aus, die Claus in seiner Wohnung aufzeichnete, dann nach "einem numerischen und einem verbalen Konstruktionsplan" vernetzte, will sagen: per Tonband-Schnipseln montierte und collagierte. Ein Appell an unsere Fähigkeit und Bereitwilligkeit also, differenziertesten akustischen Vorgängen nachzuhorchen, und wir folgen bereitwilligst. Wenn freilich die "Sprechprozesse" sich als die gequälten Aspirationen eines/r Letalen, die Un-Artikulationen eines/r Debilen erweisen, darf dies materiell zumindest als Mißachtung eines Behinderten angesehen werden. Der Hör-Effekt provoziert freilich die Frage, zu wieviel Mit-Leiden der Technokrat wohl im Falle eigener Betroffenheit imstande wäre. Wenn dann die angestrebte "Fähigkeit des Gehörs, Schallquellen zu orten", im charmanten Ambiente einer vollgepfropften Turnhalle erprobt werden muß, wenn die "optische Dimension" ("Video: Heinz Wittig" beglaubigt das Programmbuch) sich als leerer, nur vom "Rauschen" eines Videorecorders "belebter" Bildschirm erweist - dürfen wir uns getrost, Verzeihung: verarscht fühlen.

Das scheinbar spätdadaistische "Wu-tkar; Ssla ztastal-tkarbu" von Josef Anton Riedl: Wunderbar im Programmbuch die Analyse des technischen Verfahrens, aus einem "Lautgedicht" die "Partitur" für einen "audiovisual event" zu gewinnen; hochinteressant die "Achsensymmetrie" auf der "buchstabenverschrifteten textualen Ebene" oder die paradoxe Absonderlichkeit eines "Krebses des Krebses"; faszinierend die Wandlung eines "wuss" zum "ssuw", eines "bu" zum "ub". Ich gestehe freilich, mich bereits schwer zu tun, derartige von gelegentlichem Klatschen oder ähnlich differenzierten Geräuschen unterbrochene Entäußerungen unter dem Rubrum "event" einordnen zu können. Wenn dazu Kugeln durch zu Achterbahnen geformte Glasröhren rollen, erhöht das weder den Kunst- noch den Informationswert. Wenn aber dazu in gewissen Abständen Glasscheiben zerschlagen werden, sind die Assoziationen zu unserem Alltag nicht weit: Künstlerischen Vandalismus möchte ich solcherart "events" nennen, die wie ein "reality-TV" mit dem Horror ihr sado-masochistisches und pornographisch genüßliches Spielchen treiben.

Der Tiefpunkt der bedeutsam sich gebenden Aktionismen: Bill Fontanas über eine Satellitenschaltung ermöglichten "Returning landscapes", eine "Klangskulptur", worin die Geräusche von Quelle und Mündung der Donau mit denen des innerstädtischen Verkehrs von Wien verkuppelt werden - zu einem Einheitslärm, der auch die Niagara Falls in der Sahara glaubhaft gemacht hätte.