Ein feines Pling. Gefolgt von einem deutlichen Klirren. Da lag es auf dem Boden, das gute Stück. Eine vorwitzige Windböe zog frühmorgens durch das Neue Schloß in Baden-Baden, und schon war es geschehen um eine von drei Meissen-Schneeballenvasen, Losnr. 1342, Schätzwert 20 000 Mark. Nachdem auch noch das zweite Exemplar dieser Garnitur den Porzellanhimmel dem anstehenden Besitzerwechsel vorgezogen hatte, war augenfällig, daß auch das größte Auktionshaus der Welt nicht alles in der Hand hat. Eine kleine Parabel von der Vergänglichkeit jener Dinge, die vom 5. bis 21. Oktober in Baden-Baden während der größten und längsten Hausauktion dieses Jahrhunderts teilweise zu Phantasiepreisen gehandelt wurden.

Katalog sechs Kilo, 25 000 Objekte, Auktionssumme 77,6 Millionen Mark: Der professionell inszenierte Ausverkauf war auch Beweis dafür, daß aneinandergereihte Rekorde etwas Ermüdendes an sich haben. Nicht nur für die markgräfliche Familie ist die Zeit des Abschieds gekommen. Trennen müssen sich 230 Mitarbeiter von ihrem Arbeitsplatz; etliche Kunstliebhaber von ihren Illusionen, in fürstlichen Bietgefechten mithalten zu können; die Medien von einem dankbaren Thema. Schließlich verließ die phlegmatisch dreinblickende Sibylle von Kleve, auf 21 mal 15,5 Zentimeter gemalt von Lucas Cranach, ihren Gatten Johann Friedrich von Sachsen: Aus der verschlossenen Vitrine heraus fand sie einen unbekannten Liebhaber, der sie mitnahm, ohne zu bezahlen.

Neben den Erfolgsmeldungen gab es selbstverständlich auch Kritik: Die Schätzpreise seien bewußt zu niedrig angesetzt worden, um Knalleffekte zu erzielen. Christoph Graf Douglas hält dagegen: "Wir haben geschätzt wie bei einem normalen Katalog. Für die Provenienz gab es keinen Bonus." Den aber hat das in engen Stuhlreihen aufgefädelte Publikum, deutsche Privatsammler und die internationale Händlerriege, offenbar doppelt und dreifach draufgeschlagen. Nur bei dem Damengürtel, 14. Jhdt. mit silbervergoldeter Schnalle, blieb es bei den geforderten 1,4 Millionen Mark still im Zelt. Danke! Retour.

Zum ersten war es die markgräfliche Entschuldung, zum zweiten big business, und zum dritten ein meist amüsantes Spektakel. Zum letzten Mal fiel der Hammer bei 17 000 Mark für einen Spazierstock Großherzog Friedrichs II., zusammen mit einer Aufnahme, die ihn beim Waldspaziergang zeigt. Deutsche Mythen! Auch den Sotheby's-Chef zieht es dorthin: "Ich habe so viele Menschen gesehen. Jetzt brauche ich Bäume."

Schnell werden die weißen Zelte abgebaut, der grüne Kunstteppich eingerollt, die königsblaue Fahne über dem Portal zusammengefaltet. Einer löscht das Licht, und quietschend schließen sich die abgeblätterten blaugrauen Fensterläden.