Erst kurz vor dem Start erfuhr der Pilot seinen Kurs. Dann startete die Maschine mit israelischen Geschäftsleuten zum ersten kommerziellen Flug von Tel Aviv nach Amman. Der Flug für die Teilnehmer des Nahost-Wirtschaftsgipfels am vergangenen Samstag dauerte nicht mehr als eine halbe Stunde. Vor kurzem wäre dies noch undenkbar gewesen, jetzt staunte kaum noch jemand über die Premiere.

Überhaupt erschien beim Gipfel in der jordanischen Hauptstadt vieles normaler als vor einem Jahr in Casablanca, als erstmals die künftige ökonomische Zusammenarbeit zwischen Israelis und Arabern ausgelotet worden war. Die neue Ideologie des Nahen Osten, wie sie auch der jordanische König Hussein formulierte, heißt: mehr Lebensstandard. Die Menschen müssen etwas vom Frieden spüren, um ihn zu unterstützen, so der Gedanke. Am Wirtschaftspotential eines befriedeten Nahen Osten zweifelt niemand; wohl aber, ob es den beteiligten Ländern gelingt, sich nach Ostasien und Lateinamerika schnell als dritte Wachstumsregion der Dritten Welt zu etablieren.

Die Gastgeber des Gipfels gaben sich am optimistischsten: Ihnen schwebt eine Wirtschaftsgemeinschaft mit Israel, Ägypten und den autonomen Palästinensergebieten vor, die sich später nach Syrien, Libanon und Irak ausdehnen könnte. Das Parlament in Amman hat gerade Gesetze zur Liberalisierung der Wirtschaft verabschiedet, die diese Pläne befördern sollen. Phantastische Pläne erscheinen plötzlich realisierbar. Jordanien will zum Beispiel ein eigenes Eisenbahnnetz aufbauen und über Syrien und die Türkei eine Verbindung bis nach Europa herstellen. Auch Israel soll bei dem Projekt mitmachen.

Die Israelis selbst bemühen sich um Zurückhaltung. Im vorigen Jahr hatte die starke israelische Präsenz in Casablanca bei seinen Nachbarn die Furcht ausgelöst, die Region künftig wirtschaftlich beherrschen zu wollen. Deshalb taten die Israelis in Amman alles, um derlei Bedenken zu zerstreuen: Eigentlich brauche Israel den Nahost-Markt gar nicht, es könne auch weiter nach Europa, Amerika und Japan exportieren. "Uns geht es hier um ein Sicherheitsnetz für den Frieden", rechtfertigte Wirtschafts- und Planungsminister Yossi Beilin das israelische Engagement. Der jüdische Staat will sich dem Rhythmus der Region anpassen und nicht unbedingt treibende Kraft sein.

Tatsächlich treffen im Nahen Osten höchst unterschiedliche Geschäftskulturen aufeinander. "Wir wissen gar nicht, wie die Israelis Geschäfte machen", sagt der jordanische Geschäftsmann Nadim Gargour. Hinzu kommt, daß "wir noch Beratung brauchen um herauszufinden, welche Projekte für uns gut sind. Wir sind noch nicht so weit wie die Israelis, die mit fertigen Projekten anreisten." Zu den israelischen Vorschlägen gehört eine gemeinsame Stromversorgung mit den Palästinensergebieten, mit Jordanien und Ägypten.

Ashraf Hamed, ein gebürtiger Ägypter mit deutschem Paß, ist europäischer Entwicklungsberater für das jordanisch-israelisch-ägyptische Dreiländereck am Roten Meer. Bei den gemeinsamen Beratungen seien "Unsicherheiten" spürbar, die vieles verzögern, sagt Hamed. Vertrauen muß erst langsam aufgebaut werden. Das Pro-Kopf-Einkommen in Israel liegt immer noch zehnmal höher als in Jordanien. Mit einem Bruttosozialprodukt von achtzig Milliarden Dollar ist Israel mit Abstand die stärkste Wirtschaftsmacht in der Region. Das kann Minderwertigkeitskomplexe schüren.

Aber auch die Rivalitäten zwischen den arabischen Ländern sind ausgeprägt. Die Ägypter, die 1979 als erste Frieden mit Israel schlossen, müssen heute um ihre Vormachtstellung in der Region fürchten. Nachdem sie versucht hatten, die anderen bei der Normalisierung zu bremsen, preschten sie anschließend selbst vor und schlugen Israel inoffiziell ein Freihandelsabkommen vor. "Was König Hussein in zehn Tagen macht, haben wir in sechzehn Jahren nicht geschafft", gestand ein ägyptischer Teilnehmer.