Für westliche Gurus und Psychosekten ist Rußland nach dem Ende des Sowjetimperiums ein offenes Feld. Seit im Lande wirtschaftliches Chaos und ideologische Leere herrschen, hat der Scientology-Konzern, allen voran, schon Tausende von Jüngern rekrutiert. Besonders in den Großstädten ist Scientology allgegenwärtig; die Sekte wirbt ständig in Funk und Fernsehen und verbreitet die Botschaft ihres Gründers L. Ron Hubbard millionenfach auf Plakaten, Flugblättern oder in Zeitungsbeilagen.

Seit zwei Jahren versucht Scientology auch, Einfluß zu gewinnen auf Provinzregierungen, hohe Beamte und Wirtschaftsunternehmen. Dabei konzentriert sich die Sekte vor allem auf die Ural-Region, wo Industriekombinate Schwermaschinen und Rüstungsgüter produzieren. Der Bürgermeister der Millionenstadt Perm am westlichen Ural, Wladimir Fil, zeigte sich besonders zugänglich. Er stellte Scientology im März ein mehrstöckiges städtisches Gebäude für die Einrichtung eines Hubbard College of Administration zur Verfügung. Nach einem Bericht der Moskauer Zeitschrift Ogonjok wurden dort inzwischen Direktoren und Manager von 28 staatlichen oder halbstaatlichen Firmen mit Zehntausenden von Mitarbeitern auf die Sektenideologie eingeschworen. Zwei Kombinate aus Perm, die die bizarre "Verwaltungstechnologie" der Scientologen einführten - beides Rüstungsfabriken mit der Einstufung "geheim" -, haben ebenfalls Hubbard-Colleges eingerichtet, um ihr Personal direkt auf dem Fabrikgelände zu schulen. Bei Perm-Motoren, einem Staatsbetrieb mit 3000 Mitarbeitern, der unter anderem Antriebe für die Iljuschin-76 produziert, gehen Scientologen ein und aus.

Die sogenannte Verwaltungstechnologie der Sekte soll Unternehmen und Behörden für den kapitalistischen Konkurrenzkampf fit machen - Scientology-Jargon: "Nur die Tiger überleben." Häufig überwachen Scientology-Aufseher die Buchhaltung und das Personal. Wer die "Tech" benutzt, muß dafür eine Art Steuer an den scientologischen Wirtschaftszweig World Institute of Scientology Enterprises (WISE) in Los Angeles abführen.

In einem offenen Brief an den Bürgermeister von Perm warnten besorgte Bürger vor dem "gefährlichen Weg". Der Psychokonzern sei auf dem besten Weg, die bedeutende Industriestadt, ja die ganze Region um Perm - zwei Flugstunden von Moskau entfernt - administrativ und wirtschaftlich zu dominieren. Bürgermeister Fil versicherte daraufhin: "Die Einwohner Perms werden nicht von der Sklaverei bedroht. Wir haben alles unter Kontrolle." Fil macht aber keinen Hehl daraus, daß er selber Kurse in einer Moskauer Scientology-Einrichtung besucht hat.

Alexander Guriew, der Chef der Permer Provinzverwaltung, hat sich ebenso einem Scientology-Training unterzogen wie Grigorij Wolchek, der Boß des örtlichen Fernsehsenders. Der Brite Jon Atack, ehemaliger Scientologe und einer der besten Kenner der Sektenstrategie, fürchtet: "Perm könnte die erste Scientology-Metropole der Welt werden." Wie zur Bestätigung überreichte Bürgermeister Fil im Mai einem ranghohen Scientology-Funktionär aus den USA symbolisch die Schlüssel seiner Stadt.

Schon 1992 hatte Scientology in einer "Wichtigen Unterweisung Rußland" alle europäischen Scientologen aufgerufen, Geld für die Mission in Rußland zu spenden: "Wir haben die Technologie, um die Menschheit wirklich zu befreien!" Inzwischen hat die Sekte im Lande ein regelrechtes Imperium von Hubbard-Colleges, "Missionen" und Dianetik-Zentren errichtet.

Allein im Moskauer Dianetik-Zentrum absolvierten nach Scientology-Angaben 1994 über 14 000 Menschen teure Kurse zur "totalen geistigen Freiheit". Die Hubbard-Jünger haben relativ leichtes Spiel, denn ihre Philosophie gilt als westlich, schick und karrierefördernd; den meisten Interessenten bleibt zunächst verborgen, daß sich hinter der "wissenschaftlichen Methode" das System Scientology verbirgt.