MÜNCHEN. - Es ist eine bayerische Karriere. Da steigt ein Evangelischer aus Hof in der CSU-Hierarchie ungewöhnlich schnell auf, weil diese Kombination aus religiöser und regionaler Zugehörigkeit im parteiinternen Proporz gerade gefragt ist, entpuppt sich als wahrer Glücksgriff, wird Minister, Vorzeigeminister gar, und verabschiedet sich dann in die Wirtschaft. Das Finanzministerium war in Bayern schon immer ein Sprungbrett zu Höherem, sofern es im Freistaat etwas Höheres geben kann, als einem CSU-Kabinett anzugehören. Etwas besser Bezahltes gibt es allemal. Aber nur weil er jetzt 500 000 bis 700 000 Mark im Jahr verdient statt des Ministersalärs von rund 300 000, hat Georg Freiherr von Waldenfels nicht den Kabinettstisch mit einem Vorstandssessel vertauscht.

"Das Geld ist das wenigste. Wenn man nur wegen des Geldes wechseln würde, wäre man falsch beraten", sagt der 51jährige Waldenfels über schnöden Mammon und gibt zu Protokoll, nun noch einmal eine neue Lebensaufgabe anpacken zu wollen. Die sieht er in der Vorstandsetage des größten deutschen Mischkonzerns Viag AG. Der hat eigens für den Franken das Vorstandsressort "Wirtschaft und Politik" geschaffen. Das macht Waldenfels praktisch zum Außenminister des Konzerns und zum Kollegen von Horst Teltschik (BMW) oder Manfred Lahnstein (Bertelsmann).

Es ist also nichts Neues, daß Politiker in die Wirtschaft wechseln, vor allem nicht in Bayern. Da wären der CSU-Landesfürst Ludwig Huber (Bayerische Landesbank), der Exreferent Max Streibl, Otto Majewski (Bayernwerk) oder der ehemalige Finanzminister Gerold Tandler (Linde AG) zu nennen. Was den Aufstieg Waldenfels' bemerkenswert macht, ist der Verdacht, er habe sich seinen künftigen Arbeitsplatz selber geschaffen.

Waldenfels ist der Architekt der von Bayerns Ministerpräsidenten Edmund Stoiber ausgerufenen Privatisierung im Freistaat. Stoiber ordnete an, Waldenfels führte aus. Kernstück der Privatisierungskampagne war der Ringtausch um den Energiekonzern Bayernwerk. Den verkaufte Waldenfels treuhänderisch für 5,5 Milliarden Mark an die Viag AG, an der Bayern nun ein Viertel der Anteile hält. Wenn in Deutschland etwas verkauft wird, fallen meistens Steuern an. Meistens. Der SPD-Landtagsabgeordnete Heinz Köhler hat für das Bayernwerk, das 1994 den Besitzer wechselte, eine Steuerschuld von nahe einer Milliarde errechnet. Bayerns Finanzbehörden haben anders gerechnet. Sie kamen auf den Betrag von null Mark. Dabei beruft man sich auf ein Gutachten des Bundesfinanzhofs vom Dezember 1958.

Ein schaler Nachgeschmack bleibt dennoch. Der wird verstärkt, wenn man weiß, daß Viag vor kurzem erst vom Rhein an die Isar umgezogen und damit unter die alleinige Finanzhoheit des Freistaats geraten ist. Es sind - zur Erinnerung - die Finanzbehörden, die dann entschieden haben, daß der Ringtausch zwischen Freistaat und Viag "ertragssteuerlich neutral" zu behandeln sei. Viag und das Finanzministerium haben auf alle Vorwürfe in diesem Zusammenhang scharf reagiert.

"Haltlose und unternehmensschädigende Anschuldigungen" (Viag) und eine "Schmutzkampagne" (Ministerium) seien das. Keinesfalls habe es im Rahmen des Deals personelle Absprachen gegeben, die jetzt im Vorstandsposten von Waldenfels münden. Trotzdem ist man in der CSU sauer auf den Minister. Seinen letzten Auftritt im Plenarsaal quittierte die CSU-Riege demonstrativ mit Abwesenheit und leeren Rängen. Sein Abgeordnetenmandat muß Waldenfels auf Druck der Parteifreunde zurückgeben, während Tandler seinerzeit seines behalten durfte. Und zuletzt sah es sogar danach aus, daß Stoiber seinen Geldexperten den Laufpaß gibt, bevor dieser kündigen kann. Am Ende war es eine Mischung von beidem. Stoiber ist gekränkt, weil Waldenfels ihm bei der Kabinettsbildung 1994 versprochen hatte, die gesamte Legislaturperiode zu bleiben. Bereits kurz darauf sickerten Waldenfelssche Wechselgerüchte durch. So etwas mag der auf Loyalität bedachte Stoiber nicht. Nun ist er nicht nur Waldenfels los, sondern auch Erwin Huber, mit dem er nach Ansicht von intimen Kennern der Szene in der Staatskanzlei ein "Dream-Team" gebildet hat. Huber muß nun als Finanzminister ran.

Waldenfels erwartet indessen eine 70-Stunden-Woche bei Viag. Allerdings muß er keine Steuersünder mehr jagen, was sichtlich nicht sein Metier war. Weit weg von seiner alten Wirkungsstätte ist er aber nicht. Kenner der bajuwarischen Landespolitik sprechen seit Jahren von zwei Sphären, in denen das Schicksal des Landes diskutiert und entschieden wird. Die eine umgibt die Münchner CSU-Zentrale an der Nymphenburger Straße 64, die andere das Bayernwerk, schräg gegenüber bei Hausnummer 39. Zum staatlichen Versorgungsbetrieb gesellte sich vor kurzem dann noch die Viag (Nymphenburger Straße 37). So gesehen ist Waldenfels nur über die Straße gewandert. Und bald, wenn Bayern, wie von Stoiber angekündigt, auch noch die 25,1 Prozent von Viag verkaufen wird, dürfte aller parteiinterne Groll verflogen sein. Spätestens dann ist Waldenfels der CSU-Mann im Viag-Vorstand, wenn er nicht schon vorher als "Verbindungsoffizier" auf sich aufmerksam macht.