Israel Auf immer, mein Freund
Politisch wie nie zuvor: Nach Rabins Tod hat Israels Jugend ihr Thema gefunden — den Frieden. Ihr Held ist der Rocksänger und Pazifist Aviv Geffen
Man nennt sie die Kerzenkinder. Niemand hatte sie geschickt, sie kamen von allein - die ungezählten Teenager, die sich nach der Ermordung des israelischen Ministerpräsidenten Jitzhak Rabin spontan am Tatort, vor seiner Privatwohnung in Ramat Aviv und vor seinem Amtssitz in Jerusalem versammelten. Dort hockten sie mit rotgeweinten Augen, tagelang, nächtelang, und zündeten Lichter an. Viele kommen auch jetzt noch. Der gewaltsame Tod Jitzhak Rabins hat die israelische Jugend in einem Maße erschüttert, wie es kaum jemand für möglich gehalten hätte.
Trauergraffiti an den Häuserwänden sind adressiert an einen geliebten Großvater: "Wer wird jetzt auf uns aufpassen? Ich hätte gedacht, Du würdest immer hier sein." - "Sei stark dort oben." - "Wir lieben Dich, Rabin."
Verblüfft versucht Israel, sich dieses Verhalten einer bisher als eher unpolitisch geltenden Jugend zu erklären. Doch wer genau hingesehen hat, konnte die Anzeichen für diesen Wandel schon bei der Friedensdemonstration unmittelbar vor dem Attentat erkennen.
An diesem Abend umarmte Jitzhak Rabin den 22jährigen Rockstar Aviv Geffen liebevoll auf der Bühne. Ausgerechnet Aviv Geffen, mögen sich viele erwachsene Zuschauer gedacht haben. So sehr Tausende von Teenagern ihn anhimmeln, den Eltern ist dieser stets stark geschminkt auftretende populäre Sänger suspekt. In seiner Musik geht es um tiefe Gefühle - und um knallharte Provokation. Auf seiner jüngsten Platte, die im Mai erschien, hatte er unter anderem von einem "betrunkenen Ministerpräsidenten" gesungen. Das führte zum Eklat. Parteifreunde Rabins riefen nach Zensur. Er halte die Flagge hoch, sagte der Antiheld Aviv Geffen, "für die Schwachen, gegen die Gesellschaft, gegen die Regierung und gegen die Armee".
Vor zwei Monaten waren sich Jitzhak Rabin und Aviv Geffen dann in einer Talk-Show begegnet - und hatten miteinander Frieden geschlossen. Geffen witzelte, Rabins Frau Lea habe sich bei einem seiner Konzerte vor Begeisterung die Kleider vom Leibe gerissen, worauf Rabin laut lachte: "Oh, davon hat sie mir gar nichts erzählt." Überhaupt war Jitzhak Rabin in den Wochen vor seinem Tod viel mit jungen Leuten zusammengetroffen. Der General und Friedensmacher wirkte dabei nach dem Eindruck vieler Beobachter weicher als sonst.
Am Abend der Friedensdemonstration kam Geffen zu seinem Auftritt zu spät. Eigentlich hätte zum Abschluß nur mehr die Tikwa, die Nationalhymne, gespielt werden sollen. Doch Rabin selber bestand bei den Veranstaltern darauf, daß Geffen doch noch singen solle. Und der sang "Auf immer und ewig, mein Freund" - ein Lied, das er geschrieben hatte, als er vor fünf Jahren bei einem Verkehrsunfall einen Freund verlor: "Ich komme zu dir und weine, / sei stark dort droben, / meine Sehnsucht ist / wie eine Tür, die in der Nacht sich öffnet. / Auf immer und ewig, mein Freund, / werde ich an dich denken, / und am Ende werden wir uns treffen, / das weißt du, / und ich habe Freunde, / doch auch sie vergehen vor deinem gleißenden Licht." Aus diesem Lied ist inzwischen ein nationales Trauerlied für Rabin geworden.
Was so gespenstisch gewesen sei, sagt Aviv Geffen rückblickend: Es habe während des ganzen Abends eine so glückliche Stimmung geherrscht. "Aber ich wollte ein trauriges Lied singen. Für all die Leute, die im Kampf für den Frieden getötet worden sind und die den Frieden selbst nicht mehr erleben können." Zehn Minuten später konnte der Sänger die Schüsse des Mörders hören.
In seinem blaßlila Pullover, das Peace-Zeichen an einer Kette um den Hals, wirkt Aviv Geffen ganz unscheinbar. Er weiß, daß ihn viele nicht leiden können, "vor allem Machos und Militärs". Aber im Land habe sich etwas verändert. "Rabin ist der erste, der gedacht hat, daß ein Menschenleben mehr wert ist als ein Stück Land. Er und ich, wir gingen verschiedene Wege, aber an diesem Abend haben wir uns aus denselben Gründen engagiert. Er auf seine politische Art, ich auf die musikalische. Ich habe ihm die Jugend nähergebracht."
Daß gerade die Jugend so tief trauert, erklären manche damit, daß die Teenager kurz vor dem Militärdienst stehen. Sie haben verstanden, daß Rabin im Begriff war, für sie eine sichere Welt zu schaffen. "Ich habe immer auf seine Stimme im Fernsehen gewartet, die mir sagt, alles ist okay, wir schaffen das, wir sind auf dem Weg zum Frieden", sagt der siebzehnjährige Sivan, der nach Tel Aviv gekommen war, um eine Gedenkkerze anzuzünden. Er wisse, daß der Mörder Jigal Amir nur eine Person sei, "aber die Vorstellung ist unerträglich, daß auf einer Friedensdemonstration jemand neben mir steht, der das ganze Land zerstören kann". Über den 25jährigen Jigal Amir sagt Aviv Geffen: "Wir haben hier religiöse Leute, die keinen Gott haben. Einer davon hat Rabin umgebracht."
Als zwei Pole im israelischen Kulturkampf stellt der Kolumnist Tom Segev in der Tageszeitung Ha'aretz den Rockstar und den Mörder gegenüber. Für Segev symbolisiert Aviv Geffen, ein Großneffe von Mosche Dajan, der den Staat mitbegründet hat, das neue Israel. Mit seiner Vorliebe für Pink Floyd, Bob Dylan und die Beatles würde Aviv vielleicht eher in die sechziger Jahre passen. Allerdings hatten die israelischen Jugendlichen zwischen dem Sechstagekrieg 1967 und dem Jom-Kippur-Krieg 1973 kaum Gelegenheit, "Achtundsechziger" zu sein. Ihr Dilemma ist: Solange die israelische Armee die wichtigste Lebensversicherung des Landes ist, müssen Eltern die Verantwortung für die Sicherheit ihren Kindern auf die Schultern legen. Viele in Israel fragen sich, ob die Kinder motiviert genug sind, das Land zu verteidigen.
Gerade deshalb sei die Vaterfigur Rabin so wichtig gewesen, erklärt Arie Nadler, Sozialpsychologe an der Universität von Tel Aviv. "Jitzhak Rabin personifizierte vor allem für die junge Generation den inneren Konflikt, den wir alle in uns tragen. Den Konflikt zwischen Furcht und Hoffnung symbolisierte Rabin durch seine erst zögerliche Annäherung an den Friedensprozeß und die dann entschiedene Durchsetzung. Diesen Wandel müssen wir alle durchmachen. Daß Rabin es geschafft hat, hilft jedem von uns."
Die jungen Leute, die auf die Straße gehen, um Rabins Politik zu unterstützen, sind natürlich nur ein Teil der Jugend: Diese Teenager mit ihrer Musik, ihren Lederjacken und Ohrringen sind überwiegend säkular und nicht rechts. "Diese jungen Leute", sagt Arie Nadler, "haben mit Rabin nun ein ganz konkretes Symbol für ihr Engagement gefunden, das die Rechten mit ihrem Anspruch auf Land schon lange hatten. Frieden ist ein sehr abstraktes Konzept, das man nicht so leicht als Fahne hochheben kann."
Psychologen beschreiben die abrupte Konfrontation der Jugendlichen mit dem Tod als "Unschuldsverlust". In diesem Sinne hat die Enkelin Rabins, die achtzehnjährige Noa Ben-Artzi Filosof, in ihrer sehr persönlichen Trauerrede dann doch stellvertretend für ihre Generation gesprochen, als sie "nicht vom Frieden, sondern von meinem Großvater" reden wollte.
Die Rede hatte sie in der Nacht zuvor am verwaisten Schreibtisch des Großvaters verfaßt. Nach stundenlangem Überlegen, erzählte sie später, habe sie sich verzweifelt an diesen Platz gesetzt und dort in einem Wurf den Text verfaßt, der die Welt rührte: "Berühmtere Menschen als ich haben hohe Lobreden auf dich gehalten, aber keinem von ihnen war so wie mir das Glück beschieden, das Streicheln deiner warmen, weichen Hände zu spüren und die warme Umarmung, die nur für uns war, oder dein vielsagendes Schmunzeln, das Schmunzeln, das es nun nicht mehr gibt und das mit dir erstarrt ist... Wir werden dich immer lieben, Großvater, immer."
Daß Rabin jetzt fast wie ein Heiliger verehrt wird, haben Stimmen aus frommen Kreisen verurteilt. Die Trauerzeremonien der säkularen Jugend wurden als übertriebener Personenkult kritisiert, der "nicht auf Religion basiert, sondern auf Hollywoodphantasien", schrieb zynisch ein Kommentator in der Jerusalem Post. "Würde sich Rabin, unermüdlicher Problemlöser, aber kein sentimentaler Guru, selbst als diesen Halbgott wiedererkennen?"
Doch wer die Briefe liest, die von vielen Jugendlichen an die Familie Rabin oder an Rabin selbst geschrieben worden sind, der spürt, daß die Trauer ehrlich ist. Jinon, ein Schüler der siebten Klasse in Beer Sheva, schreibt:
"Ich bin sehr durcheinander, und es fällt mir schwer zu glauben, was passiert ist. Ich habe immer Rabin unterstützt, auch wenn ich noch nicht wählen darf. Ich möchte gerne mein Beileid ausdrücken, aber ich kann es nicht. Wenn ich könnte, würde ich mit Jitzhak tauschen wollen. Ich stehe unter Schock. Als ich hörte, was passiert war, habe ich laut ,Nein!` geschrien. Ich weine die ganze Zeit. Ihr sollt in seinem Sinne weitermachen. Glaubt mit allem guten Willen an den Frieden, für Jitzhak. Seid stark und mutig, Familie Rabin. Glaubt an Rabins Weg."
- Datum 24.04.2008 - 12:25 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 24.11.1995 Nr. 48
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