Aufruhr im Basar
Vorige Woche griffen die Textilfahnder nach mehrmonatigen Ermittlungen mitten in Istanbul zu. Rund 150 Anwälte und Vollzugsbeamte, 70 Polizisten, 50 Träger und 16 Lkw waren mit von der Partie, als zeitgleich an 24 Stellen am Bosporus illegale Textilfabriken, Etikettenhersteller, Groß- und Einzelhändler hochgenommen wurden. Nach der mehrtägigen Aktion, die auch die Städte Izmir und Antalya einschloß, waren rund 200 000 Hemden, Jacken, Jeans und Mützen im Schwarzmarktwert von mehreren Millionen Mark sichergestellt.
Wäre die heiße Ware nicht von illegalen Nähereien, sondern in Originalwerken fabriziert worden, läge ihr Wert weit über 100 Millionen Mark, schätzt Volker Spitz. Er ist sicher, daß die Großrazzia in der Türkei zumindest in Europa der größte Schlag war, der je gegen die Imitatoren von Adidas, Chiemsee & Co geführt wurde. Der Rechtsanwalt weiß, wovon er spricht, denn er ist Vorsitzender der Vereinigung zur Bekämpfung von Produktpiraterie (VBP). Der Verein wurde im Sommer 1995 in München gegründet und hat sich zum Ziel gesetzt, auf dem Textilsektor frechen Plagiatoren das Handwerk zu legen. Mitglieder sind Adidas, Reebok, Nike, Windsurfing Chiemsee, Fashion Box (Marke Replay), Chipie, Homeboy, MCM, Oxbow, Bad+Mad, O'Neill und der Designer Peter F. Steinebronn. Bei insgesamt dreißig Objekten wurden die Ermittler in der Türkei fündig, sechs weitere, darunter eine hochmoderne Fabrik mit tausend Beschäftigten, standen auf der Fahndungsliste, wurden aber vorgewarnt und teils über Nacht leer geräumt.
Für die bisher weitgehend risikolos operierenden Textilfälscher in der Türkei kam die Aktion überraschend, "das hat Wellen geschlagen", resümiert ein vor Ort aktiver VBP-Ermittler.
Schon am Tag nach der ersten Razzia waren die bekannten Verkaufsmeilen wie leer gefegt. Wichtige Nachrichten machen in der Branche schnell die Runde. Trotz der umfangreichen Funde ist Spitz aber sicher: "Das war nur die Spitze des Eisbergs." Erfahrungsgemäß sei die Türkei in Europa das Zentrum illegaler Textilproduktion, weltweit übertroffen nur noch von China. Hauptabsatzmarkt für gefälschte Reebok-Hemden, Replay-Jeans oder Edelklamotten Marke Chiemsee ist Deutschland. Achtzig Prozent aller kopierten Kleidungsstücke gelangen nach VBP-Erkenntnissen hierher.
Ein Großteil der Ware wird über sogenannten Ameisenhandel importiert. Touristen bringen aus dem Urlaub den gefälschten feinen Stoff im Koffer mit. Dabei gelten etwa zehn Hemden beim Zoll als Schmerzgrenze. Bei Stichproben am Flughafen wurden aber auch schon Billigeinkäufer mit fünfzig Hemden aus nicht autorisierten Werkstätten ertappt. Die Ware wird dann konfisziert. Der zweite Importstrang führt über die deutschen Nachbarländer im Osten. Tschechien etwa sei berüchtigt für den Verkauf gefälschter Markenware am Straßenrand. Auch hier zählen Deutsche zu den Hauptabnehmern. Der dritte Weg der Duplikate führt per Lkw ab Fälscherwerk in deutsche Textillager und wird an Großabnehmer weiterverkauft, die Flohmärkte bestücken, über Zeitungsanzeigen oder eigene Vertriebsnetze in Discos oder Kneipen Jacke wie Hose verschachern.
Aber auch scheinbar seriöse Einzelhändler kaufen in geheimen Lagern ein. Gefälschte Ware taucht dann in normalen Boutiquen und Kaufhäusern auf. Spitz kennt einen Fall, bei dem Markenjeans in einem renommierten Modehaus in der Münchner Innenstadt sichergestellt wurden. "Wir wissen von nichts", heißt es in einem solchen Fall zumeist vom Management. Aktive Beteiligung und Mitwisserschaft der illegalen Herkunft sind kaum nachzuweisen. Was der einzelne als Schnäppchen ansehen mag, trifft aber auch deutsche Textilarbeiter. 50 000 Arbeitsplätze gehen nach Schätzungen der Branche durch Produktpiraterie jährlich verloren. Die Zahl dürfte allerdings nur schwer zu verifizieren sein, schließlich lassen fast alle deutschen Hersteller Teile oder sogar die gesamte Kollektion ihrer Markenware ohnehin in Billiglohnländern fertigen. Betroffenen Firmen entstehen ohne Zweifel teure Ausfälle. Für alle Produktgruppen schätzt die Internationale Handelskammer den Anteil illegaler Imitate auf rund zehn Prozent des Welthandelsvolumens. Das entspricht etwa hundert Milliarden Dollar. Somit hätten Fälscher binnen sieben Jahren ihren Weltmarktanteil verdoppelt. Internationale Fälschergruppen konzentrieren sich neben Textilien und Schuhen auch auf Computerprogramme, CDs, Uhren und Parfums.
Gerade auf dem Textilsektor ist der Kauf gefälschter Ware in den Augen von Endabnehmern aber kaum mehr als ein Kavaliersdelikt, räumt Spitz ein. Bei den Raubkopierern vor Ort fehlt Unrechtsbewußtsein häufig auch deswegen, weil Nobelhersteller oft im selben Land legal ihre Ware fertigen lassen und sich dabei goldene Nasen verdienen.
Moderne Robin Hoods sind Fälscher aber nicht. Der Türkei-Detektiv des VBP berichtete von Morddrohungen gegen einen türkischen Chiemsee-Geschäftspartner infolge der jüngsten Razzien. Hinter Textilpiraterie wird auch eine Form der Geldwäsche vermutet. "Die Fäden halten die Großen in der Hand", meint der Detektiv und will verständlicherweise nicht namentlich genannt werden. Es lauern aber auch andere Gefahren. Man mag es hinnehmen, daß die Farbe einer imitierten Edeljeans schneller ausbleicht als beim Original. Anders ist es, wenn die Haut zu jucken beginnt.
Billig ist die heiße Ware nämlich nicht nur, weil Entwicklungskosten und Zölle gespart werden. Teils produzieren Piraten mit verbotenen Substanzen, die nicht nur die Umwelt schädigen, sagt Spitz. Bei gefälschten Jeans sei die Verwendung krebsgefährdender Stoffe nachgewiesen. Er selbst hat weitere Untersuchungen in Auftrag gegeben. Für Käufer erkennbar sind Imitate vor allem an zwei Merkmalen: Preis und Geruch. Um siebzig Prozent unter Normalpreis werden heiße Klamotten im Schnitt verkauft. Auch haben sie oft einen chemikalienbedingten Geruch: "Sie stinken", sagt Spitz.
Strafbar macht sich ein Imitat-Kunde nicht, solange er nicht mit der Nobelware handelt. Bei vom Zoll ertappten Touristen, die sich übermäßig eingedeckt haben, werden Hemd und Hose in der Regel vernichtet. Im Wiederholungsfall droht eine Geldstrafe. Wer mit gefälschten Textilien dealt, muß dagegen mit einer Schadensersatzklage rechnen. Bei größeren Fällen kommen schnell Hunderttausende Mark zusammen. Kaufhäuser und Boutiquen, die mit getürkter Ware erwischt werden, müssen zudem einkalkulieren, daß sie nicht mehr vom Hersteller beliefert werden. In der Türkei sind die Strafen seit wenigen Wochen spürbarer geworden. Weil das Land in die EU drängt, gibt es jetzt schärfere Gesetze gegen Fälscher. Nun drohen bis zu 20 000 (früher 100) Mark Strafe und bis zu vier Jahre Gefängnis.
Deutschland ist auch deshalb Eldorado für Fälscher, weil Markenware fast nirgends sonst derartige Preise erzielt. Edeljeans sind etwa in den Vereinigten Staaten um bis zu 75 Prozent billiger als hierzulande, und das liegt nicht nur am schwachen Dollar. Entsprechend selten sind dort auch Fälschungen.
- Datum 08.12.1995 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 50/1995
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