Wissenschaft hat die Menschen schon vieles glauben gemacht: Die Erde sei eine Kugel und keine Scheibe; Emotionen säßen im Hirn und nicht im Herzen; Zeit sei relativ und der Raum gekrümmt. Die Gesellschaft hat sich darauf eingerichtet - wenn auch bisweilen nur mit hartnäckigem Widerstand. Denn mit der Wahrheit wurde anscheinend nichts gewonnen: Sah sich der Mensch einst von einem Gott in die Mitte des Kosmos gestellt, so driftet er heute am Rande der Milchstraße durchs Universum. Doch dies war nicht die letzte Stufe der Entthronung. Nun greifen die Naturwissenschaften jene letzte Gewißheit an, die für Descartes noch Grundstein seines Weltentwurfs war: das Ich.

"Das Ich ist eine Illusion, die niemandes Illusion ist", sagt der Philosoph Thomas Metzinger etwas apodiktisch, während er durch das hessische Hügelland bei Rabenau nahe Gießen spaziert. Dort lehrte er die letzten Jahre am Zentrum für Philosophie und Grundlagen der Wissenschaft. "Denn genau genommen gibt es das Ich nicht. Es ist eine Illusion - und zwar die beste, die Mutter Natur je erfunden hat. Das Gehirn erzeugt sie, um sich besser in der Welt orientieren zu können. Wenn man ein gutes inneres Bild davon hat, wer man ist, woher man kommt und wohin man geht, dann ist es einfach viel leichter, auf Reize zu reagieren, Pläne zu schmieden oder schwierige Entscheidungen zu treffen. Evolutionär gesehen war es also nur sinnvoll für den Organismus Mensch, ein solches Werkzeug zu entwickeln. Aber es gibt keinen inneren Kern, keine unsterbliche Substanz, die all dem zugrunde lägen."

Das Thema Gehirn und Bewußtsein ist en vogue. Dutzende von Publikationen werden alljährlich veröffentlicht (siehe Kasten). Von Metzinger herausgegeben, erschien gerade "Bewußtsein. Beiträge aus der Gegenwartsphilosophie" (Ferdinand Schöningh Verlag), eine Anthologie, in der er eine transatlantische Begegnung der Bewußtseinsphilosophen inszeniert hat. Mit der Bücher- und Artikelflut und den Kongressen zum Thema zeichnet sich für Metzinger ein Wechsel im Verständnis des menschlichen Geistes ab, der früher oder später auch die Alltagspsychologie verändern wird. Das ist ein alter Traum der Naturwissenschaft: sich das Reich des widerspenstigen Geistes einzuverleiben.

Der 37jährige spricht von einer "Bewußtseinsrevolution: Unser Bild vom Selbst, die Idee des autonomen Subjekts, von der Würde und der scheinbaren Gleichheit der Menschen, all das, was uns so wichtig ist, wird einen entscheidenden Wandel durchmachen". Denn wenn wir erkennen, daß das Ich nur eine Illusion ist, wen wollen wir dann für die Handlungen eines Menschen verantwortlich machen? Was, wenn ein Verbrecher einfach behauptete, er sei niemand?

Mit schwarzem Jackett, schwarzer Jeans und schwarzen Haaren erinnert Metzinger eher an einen Existentialisten der fünfziger Jahre als an den neuzeitlichen Bilderstürmer, der die abendländische Subjektphilosophie auf den Boden naturwissenschaftlicher Tatsachen zurückbringen will. Und tatsächlich betont seine Arbeit wie Sartre die kreative Kraft des Menschen, Bilder von sich selbst zu entwerfen. Bei Metzinger ist nur das Gehirn die Ursache der Projektionen, nicht das Bewußtsein. Ein ernsthafter Wissenschaftler werde alle Methoden des Erkenntnisgewinns nutzen - neben Philosophie, Naturwissenschaften oder Mathematik auch seine Träume notieren und sich ständig selbst beobachten beim Sport, Meditieren oder Sex. Doch wer sich dem Rätsel des Bewußtseins auch durch sein eigenes Erleben zu nähern versucht, der darf sich nicht vom bloßen Schein verführen lassen. Der Schein ist, was wir täglich erleben und naiv für die Realität halten - vom Gehirn gefiltert, moduliert und auf wunderliche Weise in Bewußtsein verwandelt. "Nur wie die Idee des Ich oder der Seele entsteht, damit hat sich noch niemand richtig beschäftigt. Dabei gibt es Phänomene, die in allen Kulturen belegt sind und doch eigentlich die Forschung herausfordern sollten, wie die sogenannten ,außerkörperlichen Erfahrungen`. Es gibt Menschen, die im Streß oder in Todesnähe erleben, wie ihre luftige Seele ihren Körper verläßt und ihn zum Beispiel unter sich auf dem Operationstisch liegen sieht. Für viele ist so etwas der Beleg des Leib-Seele-Dualismus oder Anlaß für esoterische Schrebergärtnerei. Für mich ist das aber ein Grund, mich mit der Frage auseinanderzusetzen, wie dies der sogenannten Seele möglich sei."

Gewiß, nur wie kann eine solche Auseinandersetzung aussehen? In diesem Jahrhundert geht die Wissenschaft der Seele an den Kragen, um deren innere Dynamik zu erklären. War es zunächst die Psychoanalyse, die ein Modell aus Über-Ich, Ich und Es für das Bewußtsein entwickelte, so fangen jetzt die Neurowissenschaften den Geist im Netz der Nervenzellen: Die Medizin behandelt bestimmte Sprachstörungen oder Epilepsie bereits mit chirurgischen Eingriffen ins Gehirn. Neuroinformatiker und Robotikforscher entwickeln mathematische Modelle für die Frage, was es für ein System - einen Organismus oder eine Maschine - bedeutet, Bewußtsein zu haben. Und nicht zuletzt die Hirnforschung macht unentwegt Fortschritte, das Zusammenspiel einzelner Gehirnregionen bei komplexen menschlichen Verhaltensweisen zu erklären.

Die Philosophie konnte all das nicht unberührt lassen - "Ich", "Bewußtsein", "Erkenntnis" gehören zu ihren traditionellen Themen. Die Herausforderung wurde in Deutschland lange nicht angenommen, weil man hier lieber Kant buchstabierte und heideggersche Fundamentalontologie zelebrierte. In den USA, Großbritannien und Australien hingegen wurden die neurowissenschaftlichen Forschungsergebnisse bereits vor zwanzig Jahren von den Philosophen diskutiert. Große Teile der analytischen Denktradition sind dort von jeher eng den Naturwissenschaften verbunden, positivistisch.