Man nehme einen betagten Firmenpatriarchen, dem ein geheimnisvolles Unternehmen gehört, seine um ihr millionenschweres Erbe bangende Familie, füge namhafte Bankiers, jede Menge Frauen und eine Schwarzgeldaffäre hinzu, siedle das Geschehen im Münchner Schickeriamilieu an, und fertig ist die bayerische Soap-opera, die, sollte sie einmal unter dem Titel "Männer, Mädchen und Moneten" verfilmt werden, die Fernsehserie "Kir Royal" an abgestandenes Sprudelwasser erinnnern ließe.

Für diejenigen, die die bisherigen Folgen der Reality-Show verpaßt haben, hier eine Kurzfassung: Siegfried Otto besitzt die äußerst profitable Firma Giesecke & Devrient, die unter anderem mit dem Druck von Banknoten jährlich gut eine Milliarde Mark umsetzt. Otto ist zwar mittlerweile schon 81 Jahre alt und nach sieben Schlaganfällen nur noch bedingt arbeitsfähig, will aber das Ruder partout nicht aus der Hand geben. Seine beiden Söhne hat er bereits von Bord gejagt, die Geschäftsführer fühlen sich zu Leichtmatrosen degradiert. Es kommt zur Meuterei. Ein Insider plaudert aus, daß Otto riesige Mengen Schwarzgeld vor dem Finanzamt versteckt hatte und nur durch eine Selbstanzeige sowie die Steuernachzahlung von hundert Millionen Mark eine drohende Strafverfolgung vermeiden konnte.

Die gezielte Indiskretion hat die gewünschte Wirkung: Ottos Ruf ist derart ruiniert, daß er entmachtet werden kann. Die Verfügungsgewalt über sein Eigentum an der Firma muß Otto an einen Treuhänder übergeben. Jetzt wird gar über einen möglichen Verkauf des Familienunternehmens oder über seine Umwandlung in eine Aktiengesellschaft spekuliert.

Soweit die eher nüchternen Fakten. Ähnliche Szenen wurden auch schon auf anderen Betriebsbühnen aufgeführt. Was dem Münchner Stück aber die besondere Dramatik verleiht, sind seine einzigartige Kulisse, die bemerkenswerten Charaktere von Hauptdarstellern und Chargen sowie die Mischung aus Kabale und Liebe.

"Ich weiß überhaupt nicht mehr, wo vorn und hinten ist", gesteht Ursula "Bambi" Burda, Ottos Noch-Ehefrau, weinend der Bild. Dem staunenden Publikum mag es ähnlich gehen. Denn die Geschichte kommt einigermaßen verwickelt daher. Deshalb der Reihe nach. Ort des Geschehens ist die 1852 gegründete Firma Giesecke & Devrient, kurz G & D. Die weltweit operierende Gruppe mit ihren rund 3700 Beschäftigten hat sich auf die Herstellung von Wertpapieren, Chipkarten und vor allem Banknoten spezialisiert. Gut jeder zweite deutsche Geldschein kommt aus den G-&-D-Pressen, die andere Hälfte druckt die Bundesbank selbst. Dieses außergewöhnliche Geschäft beschert dem Unternehmen nicht nur entsprechende Profite, sondern liefert auch den Vorwand für seine Geheimniskrämerei. Mit Hinweis auf die besondere Sensibilität ihres Arbeitsgebietes unterließ es die Gesellschaft mit beschränkter Haftung bislang, den gesetzlichen Pflichten nachzukommen und ihre Bilanzen zu veröffentlichen.

Eigentümer dieser Goldgrube ist Siegfried Otto, der 1943 die Firmenerbin Jutta Devrient heiratete und den ursprünglich in Leipzig beheimateten Betrieb nach dem Krieg in München wieder neu aufbauen ließ. Als Chef eines Konzerns, der Regierungen, Notenbanken und Kreditinstitute rund um den Globus zu seinen Kunden zählt, bewegte sich der Multimillionär in den allerfeinsten Finanzkreisen.

Vielleicht war es die Angst vor dem Verlust dieser Verbindungen, die Otto davon abhielt, sich rechtzeitig in den Ruhestand zurückzuziehen. Bis vor einem Jahr saß er noch in der Geschäftsleitung und führte sich dort zum Unwillen seiner Kollegen als Alleinherrscher auf. Dabei war er aufgrund seines hohen Alters und seiner angeschlagenen Gesundheit längst nicht mehr den "immer neuen Aufgaben und Anforderungen" gewachsen, denen sich G & D laut Firmenbroschüre durch den "ständigen Wandel in Politik, Wirtschaft, Kreditwirtschaft und in der Gesellschaft" zu stellen hat.