Die goldene Regel fürs Fernsehen lautet: Je näher man hinsieht, desto ferner blickt es zurück. Der Film veranschaulicht das, indem er die Kamera auf ein Bild zufahren läßt, bis nur noch einzelne Punkte zu sehen sind. Michelangelo Antonioni hat über dieses Phänomen mal einen Film gemacht: In "Blow-up" hat die unendliche Vergrößerung des Bildes die Vorstellungskraft angeregt. In "To Die For" wird sie dadurch eher gelähmt.

Gus Van Sant erzählt die Geschichte einer Frau (Nicole Kidman), die um jeden Preis zum Fernsehen will. Sie möchte eines jener Wesen werden, die ihr Kostüm wie eine Rüstung und ihr Lächeln wie eine Maske tragen. Um diesem makellosen Bild zu entsprechen, tut Suzanne Stone aus Little Hope wirklich alles: Sie heiratet den Nächstbesten, der ihren Ansprüchen genügt (Matt Dillon), läuft dauernd in knallbunten Fernsehkostümen herum und nervt den Chef des lokalen Fernsehsenders so lange, bis sie die Wetterkarte moderieren darf. Sie will auf den Bildschirm und ahnt nicht, daß sie dort verbrennen wird wie eine Motte im Licht.

Der Film ist selbst aufgezogen wie eine Fernsehdokumentation. Alle Betroffenen werden ausgefragt, wie es zum traurigen, aber gerechten Ende kommen konnte. Natürlich muß man froh sein, wenn ein Regisseur wie Gus Van Sant eine Geschichte dem üblichen amerikanischen Erzählterror entwindet, aber er läßt die vielen Stimmen auch immer wieder nur ins gleiche Horn stoßen. Und wenn man am Ende Suzannes Gesicht unter dem Eis eines zugefrorenen Sees sieht, dann hat das Bild vom Eismädchen seine Kraft leider schon verloren, weil es auch vorher schon tausendfach beschworen worden ist.

Es gibt eine Szene, in der Nicole Kidman für ihren jugendlichen Lover (Joaquin Phoenix, der Bruder von River) im Scheinwerferlicht des Autos im Regen tanzt. Für ihn wird dieser Tanz das Bild des Glücks bleiben, für sie ist es nur ein weiterer Dreh, die Schraube der Verführung fester anzuziehen. Das Problem des Films ist, daß man in solchen Momenten immer nur den Hinterhalt sehen darf, nie die Verführung. Jede Szene endet mit einem Blick in die Mördergrube des Herzens. Es mag für Nicole Kidman sprechen, daß sie diese Frau wirklich nahtlos überzeugend spielt, aber es gelingt ihr dabei nicht, jenseits der Stereotype irgend etwas sichtbar zu machen. Und Gus Van Sant kann man ankreiden, daß er die Zuschauer andauernd in Suzannes Karten blicken läßt, statt ihr den ein oder anderen Bluff zuzugestehen.

"To Die For" möchte die Menschen, die in die Fänge des Fernsehens geraten, aus der Nähe zeigen. Aber sie blicken nur ziemlich fern zurück.