Fragen, die man im Orient in dieser Direktheit besser nicht stellt. Die Grenzen kritischer Vernunft lernte nachhaltig Ali Abd ar-Raziq (1888-1966) kennen. Der Kairoer Richter veröffentlichte 1925 das Buch "Der Islam und die Grundlagen der Staatsmacht". Seine Hauptthese lautete, die Aufgabe Mohammeds sei eine rein geistliche gewesen. Die politischen Handlungen der Propheten seien lediglich für jene Zeit von Bedeutung und hätten nichts mit dem Wesen des Islam zu tun. Gott habe die Politik und die geistige Auseinandersetzung gänzlich der menschlichen Vernunft überlassen.

Dieses engagierte Plädoyer für eine Säkularisierung von Staat und Gesellschaft löste einen Proteststurm aus. Auf Betreiben namhafter Scheichs der islamischen Al-Azhar-Universität wurde Ali Abd ar-Raziq vor ein Tribunal zitiert und für ungeeignet erklärt, ein öffentliches Amt zu bekleiden. Er wurde aus dem Richteramt entlassen und lebte bis zu seinem Tod zurückgezogen. Der Fall weist deutliche Parallelen zur Hatz fundamentalistischer Kreise gegen den Kairoer Linguisten Nasser Hamid Abu Zayd auf, dessen textkritische Koran-Analysen ihren Zorn erregten. Mit Unterstützung der Azhar wurde Abu Zayd zum "Apostaten" erklärt und im Juni dieses Jahres gegen den erklärten Willen beider Eheleute von seiner Frau geschieden. Gegenwärtig leben sie im Exil in den Niederlanden.

Der Fall Ali Abd ar-Raziq wirkt bis heute nach. Kein arabischer Intellektueller, dem sein Leben lieb ist oder der seine Heimat nicht verlassen möchte, wird offen für eine klare Trennung von Religion und Politik eintreten, schon gar nicht nach dem Siegeszug der Islamisten. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum reformistische Denker wie Sorush oder Abu Zayd eher Einzelkämpfer geblieben sind, warum es eine islamische Reformbewegung bislang nicht gegeben hat. Analphabetismus, politische Unfreiheit, Armut, mangelnde Zukunftsperspektiven, Minderwertigkeitsgefühle gegenüber dem Westen haben stets fundamentalistischen Weltbildern zugearbeitet: Sie bieten einfache Antworten auf schwierige Fragen.

Der geistige Vater des Fundamentalismus war Hassan al-Banna, der 1928 in Ägypten die Muslim-Bruderschaft gründete, die Urform aller islamistischen Bewegungen in der arabischen Welt. Zur Massenideologie wuchs der Islamismus aber erst nach dem Scheitern von säkularen politischen Modellen an. Wendepunkt wurde der verlorene Sechstagekrieg gegen Israel 1967, der den arabischen säkularen Nationalismus, verkörpert durch Gamal Abdel Nasser, zu Grabe trug. Wo der Islam in der Folgezeit an die Macht gelangte, sind die Grenzen unabhängigen Denkens eng gezogen, wie der Fall des iranischen Philosophen Abdul- Karim Sorush zeigt. Sorush ist dabei kein Bilderstürmer, der die islamische Revolution in Bausch und Bogen verdammt. Er kritisiert sie vielmehr von innen. Mit einer rationalistischen Theologie will er Religion und Demokratie versöhnen.

Der hier abgedruckte Text, ein gekürzter Vortrag, gehalten im Berliner Haus der Kulturen der Welt, enthält die Kernthese Sorushs: "Religion ist göttlich, aber ihre Interpretation ist durch und durch menschlich und weltlich." Die koranische Offenbarung ist also zeitlos und unwandelbar, nicht jedoch die menschliche Deutung religiöser Erkenntnis. Diese unterliegt gesellschaftlichem und historischem Wandel.

Sorushs Reformideen finden großen Anklang unter iranischen Intellektuellen und Technokraten, die sich mit dem Unfehlbarkeitsdogma der Mullahs nicht länger abfinden mögen. Für das Regime wurde Sorush gefährlich. 1991 erteilte Revolutionsführer Chamana'i die Anweisung, Sorushs "zersetzende" Thesen nicht mehr in den staatlichen Medien zu verbreiten. Schlägertrupps sprengten seitdem seine Vorlesungen, mehrfach wurde Sorush verprügelt und mit dem Tode bedroht. Gegenwärtig befindet er sich auf einer Vortragsreise durch Europa und Nordamerika. Wie gesagt, reformistische Denker in der islamischen Welt gibt es nur wenige. Zu nennen sind, neben Sorush und Abu Zayd, der in Algerien geborene, in Paris lebende Mohammed Arkoun; der Richter Said al-Ashmawi und der Philosoph Fuad Zakariya, beide aus Kairo; Sadiq al-Azm, ebenfalls Philosoph, aus Damaskus. Doch ein islamischer Luther, getragen von einer Volksbewegung, ist nicht in Sicht. Dabei dürfte der Fundamentalismus, westlichen Ängsten zum Trotz, seinen Zenith bereits überschritten haben. Die Alternative der nächsten Jahrzehnte lautet nicht: Islamismus oder Reformation. Die politischen Realitäten im Nahen Osten weisen in Richtung Pragmatismus.

So wird sich nach einem Friedensschluß zwischen Israel und Syrien - und danach mit dem Libanon - höchstwahrscheinlich das folgende Szenario abspielen: Die schiitische Hizbullah wird sich von einer fundamentalistischen Guerilla-Organisation in eine verbal radikale, de facto aber moderate Partei verwandeln. Die Schiiten im Südlibanon, bislang als Opfer israelischer Bombardements auf Israel nicht gut zu sprechen und vom Iran alimentiert, werden als erste ihre Chance erkennen und mit dem ungeliebten Nachbarn Handel treiben, vielleicht sogar in Nordisrael Arbeit suchen. Niemand wird sie daran hindern, am allerwenigsten islamistische "Denker". Denn diesen geht es nicht um die reine Lehre, sondern um die Macht. Gegen den Willen der Mehrheit aber ist Macht weder zu erringen noch auf Dauer zu halten.