Schweinischer als ein schweinisches Schwein kann nur der Mensch noch sein": Keine Verwünschung wird häufiger, ja unbedachter geäußert als der Schimpfname "Schwein". Um sich als Mensch nicht selbst zu beschimpfen, lenkt der in christlicher Glaubenslehre Erzogene von seiner eigenen miserablen Beschaffenheit ab, verrät und verunglimpft "das mosaische Tabuschwein in Bausch und Bogen, so irrational hinterhältig und durchtrieben systematisch, so tier- und lebensverachtend, bar jeglicher mäßigenden Scham und Scheu, wie es vergleichsweise in keiner anderen Religion geschieht". Doch: "Wer Menschen Schweine nennt, der will auch schlachten."

So lese ich's wörtlich in einer Schweinemenschen-Anatomie, in der Karl August Groskreutz unter dem Titel "Der Schnauzenkuß" eine seit Rousseaus antizivilisatorischer Attacke längst fällige Korrektur unseres Überheblichkeitswahns vornimmt, der Mensch sei die Krone der Schöpfung. Fündige Beispiele aus Mythe und Historie, treffende Zitate von Artmann bis Thoreau, von der Edda bis zu Wittgenstein fördern bisher unbekannt gebliebene Erkenntnisse zutage.

Dabei reicht das Repertoire des Autors vom antiken Rühmen der Sau bis zum modernen Preisen des Zirkusschweins, vom beschriebenen Urtyp des vom Aussterben bedrohten Schweinemenschen bis zum antizipierten Genotyp des künftigen Menschenschweins. Und doch, bei aller scheinbaren Unterschiedlichkeit von Mensch und Schwein: Anatom und Dichter Groskreutz zeigt die Gemeinsamkeiten auf, nicht nur der körperlichen, sondern vor allem der Grundstruktur des Seelengefüges: "Schweine sind horizontale Menschen. Oder um es unmißverständlicher zu sagen: Menschen sind senkrechte Schweine."

Man bedenke zum einen die wunderbare Organgleichheit von Lunge und Leber, die Schneewittchen das Leben gerettet hat: In Salz gekocht, sind Frischlingsinnereien und Menschengekröse nicht zu unterscheiden. Man betrachte das gleiche Toilette- und Pflegeverhalten, das gleiche Gehabe in der Liebeswerbung und die gleichen Allüren beim Sexualakt, vergleiche den feuchten Menschenmund mit dem nassen Schweinerüssel: somatische Spiegel der Seele!

Und man erwäge zum anderen die Gleichheit beider Seelen: hie und da die krankhafte Hektik, die existentielle Nervosität, das Gestreßtsein in den gesellschaftlichen Horrortrips. Was dem Menschen sein Moorbad, ist dem Schwein sein reinigendes Suhlen im Schlamm. Dort wo der Mensch ihm dieses hygienische Bad versage, beginne die apostolische Sauerei, schreibt Groskreutz, ein Formulierer von hohen satirischen Graden.

In zügigem Satzbau, aufgehellt von grellbunten Metaphern und witzigen Alliterationen, tischt uns der Autor ein poetisches Festmahl auf, erzählt das Märchen von Miss Piggy in Concert und die Geschichte der Wildsau von Killamucky: Ein neuer Fischart, ein nachgeborener Grimmelshausen mit sprachspielerischer Beredsamkeit. Stabreimend blitzt es nur so von Konto und Koitus, von Knebeln und Kerkern, von Kartoffelrosen im Knick. Binnenreimend schwelgt er, vergleicht die Schweineherde des Eumaios mit den zusammengepferchten Schlachtschweinen von Chicago, lobt das antike Würzfleisch, das bespeckte, welches dem Menschen schmeckte, seinen Körper streckte und seine Kräfte weckte - und schilt das heutige Stinkfleisch im Lande der Gülle in Hülle und Fülle.

Köstlich die Zitate, etwa die Forderung Präsident Trumans, "daß ein Mensch, der ein Schwein nicht verstehe, niemals Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden dürfe", oder der meditative Beitrag von Boris Becker samt seiner Auslegung durch den Autor: ",Ich freue mich auf den Montag, wo ich auf den Platz gehen kann. Ich bin nervös wie eine Sau, aber das ist das Schöne dabei, und wenn ich dann gewonnen habe, dann fühle ich mich wie der König von Paris.` . . . so simpel diese Sätze auch erscheinen, so schmucklos sie daherkommen, es blitzt in ihnen jenes amoke Matchmolekül des Menschseins auf, das emporzutragen vermag in jene eddisch geprägte Mythenwelt nordischer Helden und Heroen, in der die Auserwählten auf goldenen Ebern reiten." Und wer genießt nicht, inzwischen selbst zum Schweinemenschen mutiert, die philosophische, ja mythologisch-kabbalistische Deutung des geringelten Schweineschwänzchens in seiner Länge von 666 Millimetern, die bis in die Offenbarung Johannis, Kapitel 13, Vers 18 reicht!