Wissen Spezial zum Thema "Himmel": Ein Wolkenschreibstück über Himmeldesign und den "Personal Heaven"
Projektionen auf der größten Leinwand der Welt
Hier unten ist alles verbaut. Oder als Acker und Forst zugerichtet, gärtnerisch kultiviert, in jedem Fall künstlich. Der Himmel hingegen . . .
. . . von dem wir zwar wissen, daß ihm Kohlendioxid und allerlei andere Gase zusetzen, aber dennoch: Der Himmel ist frei.
Unsere Phantasie freilich auch. Mit ihrer Hilfe malt sich der Mensch seit je den Himmel aus, bevölkert und dekoriert ihn; jetzt indessen, im technischen Zeitalter, macht er Ernst und gestaltet ihn regelrecht um. Die obere Blickgrenze wird kolonisiert, wird zum Objekt des Ingenieurwesens - des Himmeldesigns.
Damit ist keineswegs nur der Himmel als unsichtbarer Gegenstand von Luftreinhaltungs- und Klimaschutzpolitik gemeint. Nein, die Rede ist tatsächlich vom sichtbaren, vom guten alten Himmel: "das scheinbar die Erde überdeckende blaue Gewölbe", wie es im etymologischen Wörterbuch so schön heißt (zur Wortfamilie siehe unter "Hemd"). Dieser Himmel ist nicht bloß ein Zeltdach, das sich majestätisch über das Erdengewimmel spannt, vielmehr dient er als Projektionsfläche, durchaus im Wortsinn: die größte Leinwand der Welt.
Zunächst einmal wird der Luftraum theoretisch zerlegt, in Gitter, Netze, Schichten, Säulen. Ob für den Wetterdienst oder das Militär, den Flug- oder Funkverkehr, der Himmel besteht aus numerierten Einzelteilen, die von irdischen Mächten in Besitz genommen werden. Bis zur Höhe von 83 Kilometern gehört der Luftraum völkerrechtlich dem Staat, über dem er sich erhebt.
Power projection, ein Ausdruck aus der militärischen Welt, findet im Himmel ihr eindrucksvollstes Medium. Lufthoheit demonstriert Macht in einer Weise, daß an ihr kein Blick vorbeiführt; die Kondensstreifen, eisige Spuren der Luftwaffen, zeigen denen da unten, wer dort oben bestimmt. Diese Symbolik kann durchaus beabsichtigt sein, etwa beim Flug von F-16 über irakisches Gebiet; in harmloserer Form finden wir sie auf Flugschauen wieder, wo Formationsflieger ihre Rauchfahnen in den Nationalfarben am Himmel hinterlassen. Für zivile Flugkörper gilt gleichfalls, daß sie einen Geltungsanspruch transportieren: Chinesische Drachen streiten gegen Geister, Werbezeppeline übertrumpfen Konkurrenten.
- Datum 27.12.1996 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1996
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