Erich Mühsam Ärger mit der Beute

Das Archiv der ehemals Ostberliner Akademie der Künste, heute mit der Westberliner Akademie vereint, hat sich bei der Münchner Verwertungsgesellschaft (VG) Wort als alleiniger Inhaber aller Urheberrechte an den Werken Erich Mühsams eintragen lassen und damit einen alten Anspruch von 1962 bekräftigt. Die Akademie der Künste tritt mit diesem Anspruch der Erich-Mühsam-Gesellschaft entgegen, der diese Rechte 1990 von den in Israel lebenden Verwandten Mühsams übertragen wurden.

Pikant an der Sache ist, daß die Akademie der Künste ihre Ansprüche aus einem Testament der Witwe Erich Mühsams von 1962 herleitet, das aus mehreren Gründen ungültig ist.

Die Verwaltungsakten des Archivs aus der DDR-Zeit, die nun für Interessenten zugänglich sind, dokumentieren nicht nur, wie besagtes Testament zustande kam. Sie geben auch neuen Aufschluß über das Schicksal Zenzl Mühsams, die als Besitzerin des brisanten Nachlasses zum Spielball der Mächte wurde, nicht nur der Schergen Stalins, sondern erschreckenderweise auch der DDR-Politbürokratie, zu deren Erfüllungsgehilfin sich die Ostberliner Akademie machte. Erstmals geht aus den Akten hervor, wie mit der Witwe Erich Mühsams in der DDR verfahren wurde.

Da der 1934 im KZ Oranienburg ermordete Erich Mühsam mit vielen linken Prominenten von Rosa Luxemburg bis Wilhelm Pieck korrespondiert hatte und in seinen Tagebüchern die Geschehnisse und Akteure der Münchner Räterepublik detailliert erfaßt waren, bemühte sich der sowjetische Geheimdienst von 1935 an, in den Besitz der Papiere zu gelangen. Einerseits, um derartige Interna der linken Bewegung nicht an die Nazis oder Gegner der Komintern zu verlieren, zum anderen, um Beweismaterial gegen deutsche Emigranten zu sammeln, das in den Jahren der stalinschen Säuberungen einen unschätzbaren Wert für den NKWD besaß.

Zenzl Mühsam wurde 1935 mit dem Versprechen nach Moskau gelockt, daß dort die Werke ihres Mannes in vielen Sprachen gedruckt werden würden. Als sie den Nachlaß aus Prag dorthin beordert hatte, durfte sie noch bei der Identifizierung der Absender und Adressaten helfen, dann, am 8. April 1936, wurde sie verhaftet, und der Nachlaß wurde um die politisch brisanten Briefe und Tagebücher erleichtert. Sie sind bis heute verschwunden.

Zenzl Mühsam kam ein halbes Jahr später überraschend wieder frei. Unter anderen hatte sich Thomas Mann mit einem langen, sehr bewegten Brief für ihre Freilassung eingesetzt. Doch sie blieb eine Geisel im Kesseltreiben der Säuberungen. So setzte sie wohl oder übel ihre Unterschrift unter einen Kaufvertrag mit dem Moskauer Gorkij-Institut, dessen Wortlaut nun in der Akademie nachzulesen ist und der sie aller Rechte am Nachlaß beraubte. 1938 wurde sie erneut verhaftet, und erst 1955 kehrte die 71jährige nach Ost-Berlin zurück, weil - wie jetzt aus den Akten belegbar - die Denunziation einer ehemaligen Mitgefangenen sie von 1949 bis 1954 neuerlich in Haft und Lager brachte. Die Denunziantin, Roberta Gropper, machte derweil Karriere in der DDR - als Vorsitzende des "Demokratischen Frauenbundes".

Zenzl Mühsam, die unter einem weit fortgeschrittenen Lungenkrebs litt, erhielt in Ost-Berlin eine Ehrenrente und einen vertrauenswürdigen Genossen zur Seite, der ihr die Korrespondenz abnahm und sie von unerwünschten Kontakten fernhielt. Zwei Jahre lang wurde sie daran gehindert, das Grab ihres Mannes zu besuchen, weil es sich im amerikanischen Sektor von Berlin befand.

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