Erich Mühsam Ärger mit der BeuteSeite 3/3
Die Erben, das waren Mühsams Verwandte in Israel, deren Ansprüche auf diese Weise aus der Welt geschafft werden sollten.
Ganz so einfach wie Dietzel sah die Lieferantin des erschwindelten Testaments die Sache nicht, denn es war ihr nicht geglückt, sich die willkürliche Ausschaltung der Miterben vom Staatlichen Notariat Berlin-Mitte sanktionieren zu lassen. Das Testament, ohne den Erbschein des Notariats wertlos, verschwand im Tresor.
Sogleich machten sich die falschen Erben daran, mit zuckersüßen Briefen Mühsams Schwester Charlotte Landau zum freiwilligen Verzicht auf ihren Anteil zu bewegen. Es gehe um die Achtung des letzten Willens von Zenzl Mühsam, und Tantiemen seien ohnehin kaum zu erwarten. Tatsächlich erhielten sie die gewünschte Verzichtserklärung, die allerdings ebenfalls keine Rechtskraft erlangte, wie auch schon das Testament und der Verkauf des Nachlasses an das Moskauer Gorkij-Institut nichtig waren. Denn Zenzl Mühsam durfte in keinem Fall allein über den Nachlaß verfügen. Nach dem Testament Mühsams, das wahrscheinlich 1936 in irgendeinem NKWD-Archiv verschwand, war eine Reihe vertrauter Freunde zu Sachwaltern eingesetzt, damit sein Werk nicht den Gruppeninteressen der zerstrittenen linken und anarchistischen Bewegung zum Opfer fiel. Zenzl Mühsam durfte das Testament, in dem auch der Anarchist Rudolf Rocker genannt war, später nicht mehr erwähnen, da ihre Kontakte zu Anarchisten und Linksabweichlern als Vorwand für ihre Haft und Verbannung in der Sowjetunion gedient hatten.
Die Frage, wer die rechtmäßigen Erben des Mühsam-Nachlasses sind und wer bis zum Verstreichen der siebzigjährigen Schutzfrist im Jahre 2004 Tantieme fordern kann, bedarf also weiterhin der Klärung. Nur eines ist sicher: Die Akademie der Künste, die vierzig Jahre lang alles in ihrer Macht Stehende tat, um die Veröffentlichung des Werkes zu behindern, und sich auch für eine widerwärtige Erbschleicherei nicht zu schade war, hat keinerlei Ansprüche auf die Rechte. Bis zur Wende war das Treiben der Ostberliner Archivare durch den Eisernen Vorhang gedeckt. Daß der heute amtierende Archivleiter Volker Kahl noch immer so tut, als wäre alles beim alten, ist der eigentliche Skandal. Kahl ist seit fünfzehn Jahren mit den Abgründigkeiten des Mühsam-Nachlasses vertraut und weiß also, was er tut, wenn er zu den bewährten Mitteln der Sperrung greift, um altes DDR-Unrecht fortzusetzen.
Chris Hirte ist Herausgeber der Werke Erich Mühsams und Mitherausgeber der Broschüre "Zenzl Mühsam - Eine Auswahl aus ihren Briefen", Schriften der Erich-Mühsam-Gesellschaft, Heft 9, Lübeck 1995.
- Datum 12.01.1996 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 03/1996
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