Fein abgestimmt

ie Sprache des Fußballs lebt wie jedwede andere Sprache auch. Sie wird von Experten (nicht der Sprache, sondern der Branche) gepflegt, gepflogen und befruchtet, wie die Sprache der Förster, der Fischer, der Flieger, der Halunken. Im Fußball tragen vor allem die Trainer zur Sprachbildung bei. Die jüngste Hervorbringung stammt vom Münchner Fußballpädagogen Otto Rehhagel und heißt "Feinabstimmungen".

Kein Mensch weiß, was das ist. Wir wollen einmal zweierlei unterstellen: Erstens, Otto Rehhagel weiß selbst nicht, was Feinabstimmungen genau eigentlich sind. Dann allerdings ist er, wie man in Bayern sagt, ein ganz odrahter Hund. Dann hat er nämlich die lästige Reportermeute so beschäftigt, wie man ein Rudel kläffender Welpen ruhigstellt: einen Putzlappen ins Gehege, und selig balgen sich die Köter um das Tuch. Nicht weniger begeistert stürzen sich phrasende Reporter auf griffige Klischees, vor allem, wenn diese so wohl klingen, daß man sie verwenden kann, ohne lange nachdenken zu müssen.

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Feinabstimmungen! Das kann man ohne Ausrufezeichen schon beinahe gar nicht schreiben. Wir sind immer noch bei erstens: Otto Rehhagel weiß nach dieser unserer ersten Unterstellung selbst nicht, was das ist. Das macht aber nichts, denn das Publikum stellt sich seine Feinabstimmungen im Fußball selber vor. Das wird etwa so sein, wie Celibidache die dicke Trommel mit dem ersten Geiger feinabstimmt. Oder diese Feinabstimmungen im neuen Grass. Wie fein war Pavarotti beim jüngsten Konzert mit dem Orchester abgestimmt?

Also klar: Feinabstimmungen würde Otto uns als diffizil und sublim verifizieren. Sein Präsident Franz Beckenbauer würde den passenden Spruch von Konfuzius dafür parat haben. Solche Feinheiten sind das. Wer jetzt noch etwas fragt, blamiert sich.

Eine Feinabstimmung ist, wenn Herr Kostadinow in der 83. Minute auf dem Planquadrat 435 b in einem Tempo anlangt, in dem kein ballspielender Mensch mehr zu einer Vollbremsung fähig ist, plötzlich stehenbleibt, den Ball mit dem Innenrist (nichts anderem) über dreißig Meter Entfernung an Herrn Klinsmann auf Planquadrat 685 c übersendet, worauf jener dort zu einem Salto rückwärts abhebt und den Ball mit der Hacke (nichts anderem) - na ja, das sind sie eben, diese Feinabstimmungen.

So weit können wir Klippschüler gedanklich vordringen, wenn wir über Otto Rehhagels Feinabstimmungen nachdenken. Der sieht uns denken und freut sich über unsere Lernbereitschaft. Noch mehr freut er sich, als er am nächsten Tag in der Zeitung sieht: Der Sprachschöpfer Hans Hubert Vogts hat sich die neue Vokabel bereits angeeignet beziehungsweise adaptiert. Jetzt wird auch in der Nationalmannschaft fein abgestimmt.

Nun müssen wir uns aber noch dem Punkt zwei unserer Explanation zuwenden. Punkt zwei unserer Überlegungen unterstellt ganz einfach mal, Otto Rehhagel weiß, was Feinabstimmungen im Fußball sind. Das macht alles unendlich schwieriger. Hier müßten wir ganz weit ausholen. Leider reicht der Platz dazu nicht. Wir müssen künftig feiner abstimmen.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 03/1996
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    • Schlagworte Otto Rehhagel | Franz Beckenbauer | Kulturbetrieb | Bayern
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