Türksun = Du bist Türke

Vor der Tür warten junge Türken und sprechen Frauen an, ob sie nicht mit ins "Bodrum" wollen. Damsiz sirilmez lautet das ungeschriebene Gesetz, kein Eintritt ohne Begleitung. Wie früher in deutschen Tanzlokalen kommt kein Mann allein in eine deutsch-türkische Disko rein. "Damit es keine einsamen Wölfe gibt", erklärt der Türsteher. Drinnen ist es rappelvoll wie jedes Wochenende. Türkischer Pop dröhnt aus den Lautsprechern, manchmal mit House oder HipHop vermischt. Immer wieder finden sich in der Musik türkische Elemente, mal hört man eine Ud (Laute) oder Tanbur (Langhalslaute), mal sind es Kudüm-Pauken oder Darabukka-Trommeln, die den Rhythmus aus der Beatbox durcheinanderwirbeln. Alle tanzen wie verrückt. Deutsche sind nicht viele da. Aber genau ist das nicht zu sagen, den Leuten sieht man schlecht an, welchen Paß sie in der Tasche tragen. 2500 Menschen sollen in die unterirdisch gelegenen Tanzhallen passen, die ganz in der Nähe des Kölner Doms liegen. Das "Bodrum" ist die größte türkische Disko Europas, behaupten zumindest deren Betreiber.

An der Theke trinkt ein junges türkisches Pärchen Kölsch und Efes-Bier. Sie schwärmen vom "Bodrum". "Jetzt bin ich der Gastgeber, wenn ich deutsche Freunde mitbringe", sagt die schlicht-modisch gekleidete Frau. Tatsächlich fühlt man sich als Deutscher im "Bodrum" als Ausländer. "Du bist jetzt in der Türkei", sagt der Mann. Aber hier sei keiner ausländerfeindlich, ganz im Gegensatz zu da draußen.

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Überall in Deutschland entstehen solche türkischen Diskotheken, werden Radiosendungen wie "Turkish Kisses" beim Berliner Privatradio Kiss FM produziert und finden deutsch-türkische Popbands ungestümen Zulauf. Das sind Zeichen einer Klimaveränderung: Nach den mörderischen Anschlägen wie in Solingen und Mölln, der offenen Ausländerfeindlichkeit suchen die rund 800 000 in Deutschland lebenden türkischen Jugendlichen verstärkt nach ihrer Identität. Und finden sie etwa in ihren kulturellen Wurzeln. "Das ethnische Revival kann kaum verwundern", sagt Yasemin Karakasoglu vom Zentrum für Türkische Studien der Universität Essen. "Die Jugendlichen merken, daß für sie in der deutschen Welt kein Platz reserviert ist. Überall begegnen ihnen Vorurteile."

Aber auch in der Türkei werden sie nicht mit offenen Armen empfangen. Dort nennt man sie wenig schmeichelhaft Alemanci, also Deutschländer. Die halten zu den Deutschen, sagt der Name, die gehören sogar zu ihnen. Eine schmerzliche Ausgrenzung, denn sie macht heimatlos. Soziologen nennen das eine "Identitätslücke". Hier noch nicht zu Hause, dort nicht mehr zu Hause - diese Leere füllen die Jugendlichen jetzt auf ihre Weise: mit einer Melange aus Türkei-Nostalgie und Popmodernität.

Türksun! Du bist Türke! In Deutschland! Versteh daß, vergiß es nicht! So lautet eine Textzeile von Cartel, einer der bekanntesten deutsch-türkischen Bands. Aggressiv zelebrieren sie mit türkischen Rap-Texten und orientalisch geprägtem HipHop die Probleme der deutsch-türkischen Jugendlichen. Sie warnen vor TV und Drogen, lästern über "Schnöselprols" und rappen über alles, was noch interessiert - Diskotheken, Sex, Autos, Ausländerfeindlichkeit.

"Berühmt zu sein, das ist lästig. Jeder Türke dreht sich nach dir um", sagt Alper A., 27jähriger Rapper von Cartel. Die Deutschen hingegen drehen sich nie um. Niemand erkennt die acht Jungs von Cartel, die auch in der Türkei in den Pop-Olymp aufgenommen wurden. Vor einem Jahr gehörten sie noch zu drei unbekannten HipHop-Bands aus Kiel, Nürnberg und Berlin. Jetzt sind sie Superstars am Bosporus: Wochenlang hielten sie Platz eins der Album-Charts, jedes türkische Kind kann ihr "Araba yok" oder "Posse Attack" mitrappen.

Bislang verkaufte Cartel 312 000 Tonträger in der Türkei, fast ausschließlich Kassetten. Dafür bekamen sie Platin - das hat noch nie eine "deutsche" Gruppe geschafft. Wie war solch ein Erfolg möglich? "Das Image des Landes, aus dem nur Gastarbeiter kommen, lastet schwer auf der Seele der Türken", sagt Kulturexpertin Karakasoglu. "Sie warteten geradezu auf einen Anlaß, um sich das Bild eines modernen und vor allem eines europäischen Landes zu bestätigen."

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