Türksun = Du bist TürkeSeite 3/3
"Wenn ich dem alemannen attestier, daß er statt ner haut ne glasur hat wie auf'm berliner in der konditorei", dann ist das die Verzweiflung vom 25jährigen, arbeitslosen Fikret an den Deutschen: "Der alemanne, bruder, frißt krise, scheißt krise, und steckt dich an mit ner grübelmikrobe, daß es auch in dir man kriselt und scheppert bis zum jüngsten tag." Und keine Hilfe von den Eltern, wie es Büjük Ibo, ein achtzehnjähriger Packer, erzählt: "Unsre ollen väter zocken in den kneipen, oder tragen'n bart und gehn in die moschee, unsre mütter werden fett und basteln'm am essen, und wo sind wir?"
Das Gefühl, verlassen zu sein, trifft auf das Versprechen der HipHop-Familie, Geborgenheit zu bieten: "Das Cartel ist wie eine family, die größer wird", erklärt Ozan Sinan, der 23jährige Cartel-Manager. Cartel als Botschaft, als Vision. Cartel ist eigentlich keine Band, Cartel ist ein Projekt, produziert von Ozan Sinan, dem Manager und Chefphilosophen. Cartel wird es deshalb in der Erstbesetzung nicht mehr lange geben. Noch ein paar Konzerte im Dezember und Januar, und dann ist Schluß. "Cartel wird weiterleben, als Verein, als neues Projekt mit neuen türkischen Crews", sagt Alper A.
Beliebt ist Cartel nicht überall. Besonders die patriotischen Posen der Band stören vor allem linke Kreise. "Rassisten und Faschos nennen sie uns, weil wir die türkische Fahne benutzen, obwohl in der Türkei Menschenrechte verletzt werden - das kann man ja kaum leugnen", sagt Ali von Cartel. Warum aber benutzt die Band die nationalen Symbole? "Weil wir Türken sind", antwortet Ali, "es ist kein Grund, die türkische Fahne wegzuschmeißen, weil es Lücken in der Regierungspolitik gibt." Trotz allem gelten Cartel als politically correct, nicht zuletzt wegen ihrer Haltung zum Kurdenkonflikt. Zwei ihrer türkischen Konzerte fanden in kurdischen Städten statt, und definitiv heißt es von Cartel: "Kurden und Türken sind Brüder und Schwestern, wer sie auseinanderbringen möchte, ist ein Verräter, das müßt ihr auch euren Kindern erklären."
- Datum 12.01.1996 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 03/1996
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren