Feldzug gegen die Friedensfreunde
Bei der Pazifismus-Debatte brennen Sicherungen durch - intellektuelle, politische und moralische. "Daß die Begriffe ,Militarismus` und ,Pazifismus` ihren Charakter als aggressiv wirkende Reizvokabeln verloren" hätten und "als analytische Kategorien" anerkannt würden - wie der Historiker Wolfram Wette noch 1991 hoffte -, liest sich wie ein Spottvers. Wieder einmal dient "der" Pazifismus als Prügelknabe.
Die "realpolitisch" nicht zitierfähige "Friedensschwärmerin" und Nobelpreisträgerin Bertha von Suttner hat vom Pazifismus wenig begriffen, aber früh geahnt, daß es diesem ergehen könnte wie Liebhabern und jenen politischen Theorien, die sich noch etwas anderes vorstellen können als das, was ist: In der ersten Phase werden "sie verlacht, in der zweiten bekämpft und in der dritten wirft man ihnen vor, daß sie offene Türen einrennen". So wie die Dinge liegen, befinden wir uns - was den Pazifismus betrifft - am Übergang von der zweiten zur dritten Phase. Und dies seit längerer Zeit.
Kurz bevor sich die deutschen zusammen mit anderen europäischen Eliten 1914 zum Krieg entschlossen, publizierte der Deutsche Wehrverein ein Buch mit dem Titel "Die Friedensbewegung und ihre Gefahren für das deutsche Volk". Nach 1918 kam den Militärs und den konservativ- deutschnationalen Eliten "der" Pazifismus gerade recht als Ursache für die Niederlage und den Versailler Vertrag. Während der Nachrüstungsdebatte 1981 erschien ein Buch mit dem Titel "Zuviel Pazifismus?". Seither suchen einige nach den versteckten "nationalen Ursprüngen und Tendenzen" der Friedensbewegungen und landen immer nur bei theoretisch halt- und empirisch substanzlosen Spekulationen über "generationenverschobene" Prozesse, in denen pazifistische Enkel die Ängste von militaristischen Großvätern vor Niederlagen und die Alpträume von Kriegsverbrechern "kontraphobisch" und "kollektiv" ausleben oder abreagieren - als "Antiamerikanismus", "Neonationalismus von links" oder "Antisemitismus". Das ist Sozialpsychologie aus dem Geist der Kaffeesatzleserei.
Es ist eigenartig, aber immer, wenn es um Krieg und Frieden geht, arbeiten Kritiker von links und rechts mit ähnlichen Methoden. Das gilt für die Debatten in den fünfziger Jahren um die Wiederbewaffnung, in den Sechzigern um Abrüstung und Atomwaffen, in den Siebzigern um Kriegsdienstverweigerung und in den Achtzigern um die "Nachrüstung" ebenso wie für die Auseinandersetzung um den Golfkrieg 1991: Immer traten der Anlaß und die politische Konsistenz der pazifistischen Aktionen zurück hinter dem Gerede über die - freihändig erschlossenen - Motive der Akteure.
In den achtziger Jahren bekämpfte Heiner Geißler "den" Pazifismus ohne Motivspekulationen, dafür mit einem intellektuellen Trick, den man früher "jesuitisch" genannt hätte. Aus der aktuellen Argumentationsnot der Verteidiger der atomaren Aufrüstung preßte Geißler in alter Demagogentugend den Verdacht, daß jene, die hier dagegen sind, denen drüben dienen: Wer gegen Aufrüstung ist, hilft dem Gegner. Um der bodenlosen Behauptung medialen Schwung zu verleihen, rührte Geißler "Pazifismus" und "Auschwitz" zusammen. Weil Pazifisten die militärische Gewalt skeptisch betrachteten oder ablehnten, wurden sie mitschuldig daran, daß die deutsche Wehrmacht im Zusammenspiel mit nationalsozialistischen Spezialeinheiten sowie einer gutgeölten Staats- und Justizmaschinerie Millionen von Menschen umbringen konnte. Geißlers Sündenbock ist klein, aber seine Schuld immens. Sein Name ist "Pazifismus".
Heute soll die Bundesrepublik Deutschland den wirtschaftlichen Speck, den sie seit 1949 angesetzt hat, politisch und militärisch abtrainieren. Im gängigen Jargon heißt das: "The party is over", "weltpolitisch" mitmachen oder, ganz schlicht, "Sonderrolle vermeiden", "normal werden". Die neueste Erklärungsnot des politischen Konformismus spricht aus Joschka Fischers panzer-pazifistischem Argument - einer parteitaktischen Improvisation ohne intellektuelle Durchschlagskraft. Das Argument kennt keine Gründe, keine Herkunft, keine Differenzen und keine Grenzen des Geschmacks, sondern nur noch Ortsnamen: "Genau wegen Auschwitz dürfen wir keine weiteren Srebrenicas geschehen lassen." Wer hindert uns an dieser einfachen Sicht der Dinge? "Der" Pazifismus.
Pazifismus - der Begriff ist relativ jung und stammt vom französischen Notar Emile Arnaud, der sich 1901 eben damit von der bloß religiös, moralisierend und karitativ unterlegten Friedensschwärmerei absetzen wollte. Friedensvereine hatten sich von den Vereinigten Staaten über England und Frankreich vom Beginn des 19. Jahrhunderts an in ganz Europa ausgebreitet. Arnauds Versuch, seiner Theorie und seinem Programm "mit einem Wort auf -ismus" die gleiche Aura zu verschaffen, die Theorien und politische Bewegungen des Liberalismus, Anarchismus und Sozialismus schon besaßen, trug bald Früchte. Aber in den Friedensbewegungen - der Singular ist bei der Vielfalt, um die es ging und geht, stets falsch - und in den pazifistischen Konzepten war immer beides vertreten: eine eher reflexionsferne und unpolitische, emotional oder religiös motivierte Sehnsucht nach Frieden und Verständigung zwischen den Völkern und eine theoretisch reflektierte und politisch artikulationsfähige Suche nach Frieden und nichtkriegerischen Konfliktlösungen. Insofern ist "Pazifismus", dieses bunte Gemisch von Sehnsüchten, Konzepten und Theorien, viel älter als der Begriff. Die ersten ausformulierten Friedenspläne stammen aus dem 16. Jahrhundert von Erasmus von Rotterdam ("Querela Pacis"), Thomas Morus ("Utopia") und Juan Luis Vives ("De pacificatione"). Europaweit bekannt und kommentiert wurde der Plan des Abbés Saint- Pierre von 1713 ("Projekt, den Frieden in Europa zu verewigen"). Der theoretisch bedeutendste, noch die Friedensbewegungen des 20. Jahrhunderts beeinflussende Entwurf stammt von Immanuel Kant ("Zum ewigen Frieden", 1795).
- Datum 19.01.1996 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04/1996
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