Lust auf das normale Gefühl

von Raimund Hoghe

Ungelebte Sexualität. Unerfüllte Sehnsucht. Manchmal, sagt der Schwerbehinderte Karlheinz G., habe er sich nicht einmal mehr einen normalen Film angucken können - "einen Spielfilm, wo auch Sexualität drin vorkam". Schließlich sei er mit seiner eigenen Sexualität überhaupt nicht zurechtgekommen. "Ich hab' immer versucht, eine Beziehung aufzubauen, aber meine Behinderung war immer zu groß."

Nur einmal war es dem heute 44jährigen Spastiker gelungen, die scheinbar unüberwindliche Barriere zu überwinden: Mit 29 habe er eine weniger schwer behinderte Frau kennengelernt und geheiratet. "Fünf Jahre haben wir in einem Wohnheim in einer Wohnung zusammengelebt." Doch dann trennte das Paar sich wieder. "Nach der Ehe hab' ich ziemlich Probleme gehabt, mit meinen sexuellen Gefühlen umzugehen." Versuche, seine Bedürfnisse zu unterdrücken, scheiterten. "Dabei hab' ich nur noch mehr Probleme bekommen und versucht, sie mit Alkohol zu betäuben." Aber auch das gelang nicht. "Ich hab' immer noch mehr Probleme gekriegt", erklärt der Mann und kämpft dabei um jedes mühsam artikulierte Wort.

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Anders als viele Behinderte kann Karlheinz G. über seine Sexualität sprechen. Auch mit seinen Eltern: "Das war normal. Ich konnte mit ihnen über alles reden, wenn ich Probleme hatte." So lernte er auch, sich nicht an den Rand drängen zu lassen. "Ich bin sehr gern unter Leuten. Ich rede gern mit Leuten." Während der schwerbehinderte Rollstuhlfahrer das sagt, bewegen sich seine Arme und Beine unkontrolliert. Die Reaktionen auf solche Bewegungen kennt er. "Ich merke immer wieder, daß die Leute Angst vor mir haben oder nicht wissen, wie sie mit meiner Behinderung umgehen sollen. Wenn ich in eine Kneipe gehe, dann stört manche mein Anblick - so daß ich schon aus Kneipen rausgeflogen bin." Trotz solcher Erfahrungen hat Karlheinz G. sich nicht in die Isolation drängen lassen. Immer wieder hat er Beziehungen gesucht. Auch über Kontaktanzeigen. Ohne Erfolg. Zu seinen gescheiterten Versuchen, "die Sexualität einigermaßen unter Kontrolle zu kriegen", zählen auch Begegnungen mit Prostituierten. "Das war sehr teuer. Die waren auch immer unfreundlich."

"Körperbehinderte Menschen haben kaum die Möglichkeit, ihre Sehnsucht nach körperlicher Nähe und Zärtlichkeit zu erfüllen. Für sie erweist es sich häufig als schwierig bis unmöglich, ihre Sexualität zu leben, um so ihr körperliches, geistiges und seelisches Wohlbefinden zu erfahren", heißt es in einem Informationsblatt von Sensis, einem Körperkontaktservice für Körperbehinderte, der im vergangenen Herbst von der Interessengemeinschaft für Behinderte (IFB) in Wiesbaden eingerichtet wurde. Die 1959 von Eltern spastisch gelähmter Kinder gegründete Interessengemeinschaft, die heute mehr als zwanzig Einrichtungen unterhält und über 500 Behinderte betreut, realisierte mit Sensis ein in der Bundesrepublik bislang einmaliges Projekt. Nicht nur Sexualberatung für Behinderte und ihre Angehörigen ist das Ziel, sondern konkrete Hilfe: Fünf Frauen und zwei Männer sollen Behinderten die Möglichkeit geben, körperliche Nähe und Sexualität zu erleben.

Karlheinz G. zählte zu den ersten Behinderten, die den Service in Anspruch genommen haben. "Am Anfang war ich sehr aufgeregt, weil ich nicht wußte, welche Frau zu mir kommt. Aber dann war ich begeistert. Sie war wirklich sehr nett und freundlich." Trotz positiver Erfahrung sieht er den Körperkontaktservice nur als vorübergehende Lösung. Einer der Gründe: die Kosten. Für einen Besuch sind 130 Mark zu zahlen. An seinem Arbeitsplatz in einer Behinderteneinrichtung verdiene er jedoch nur 250 Mark - "wenn ich davon 130 Mark abziehe, bleibt nicht viel".

"Wenn für jemand gekocht oder gewaschen wird, finden wir das in Ordnung, aber wenn es um Sexualität geht, dann finden wir das komisch", beobachtet Gudrun Greb, Yogalehrerin und zuständig für den Aufbau des Körperkontaktservice. Dabei seien die psychosomatischen Probleme bekannt, die durch unterdrückte Sexualität entstehen. "Für uns war deshalb wichtig, daß man Behinderten jetzt die Möglichkeit gibt, Körperlichkeit positiv zu erfahren. Die sexuelle Befriedigung ist nicht das Hauptproblem. Es geht nicht um den schnellen Orgasmus, sondern sehr viel mehr um Zärtlichkeit, Kontakt, das Gefühl, angenommen zu werden."

Die 47jährige Ute E., behinderte Mitarbeiterin der Interessengemeinschaft und als Spastikerin auf den Rollstuhl angewiesen, kennt die Schwierigkeiten, "als Behinderte Kontakt zu kriegen. Auch untereinander. Mit zweien, die gleich stark behindert sind, ist das oft sehr schwierig." Und finde man einen nichtbehinderten Partner, sei das nicht selten einer, "der sich an dir hocharbeiten will und denkt: ,Jetzt hab' ich mal was Gutes getan.` Die wollen nur ihr eigenes Ego aufbauen", stellt die Schwerbehinderte fest und sagt: "Ich will eine Selbstbestätigung für mich und nicht für jemand anderen."

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