Tausendundeine Lüge

von Dietrich Lueckoff

I.

Vor zwei Jahren erschien in Frankreich eine literarische Ausgrabung: das einzig bekannte Buch eines Autors, der durch alle Maschen der Literaturgeschichte gefallen ist. Unbekannt, vergessen, ein Name, ein Pseudonym: Vizconde de Lascano Tegui. 1924 war das wohl vor dem Ersten Weltkrieg entstandene Buch im spanischen Original, in Belgien fehlerhaft gesetzt, in Paris herausgekommen; sein etwas in die Irre führender Titel lautete auf deutsch: "Von der Eleganz während man schläft".

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1925 übersetzte Francis de Miomandre, ein engagierter Vermittler lateinamerikanischer Literatur, unter demselben Titel einen Auszug für eine Zeitschrift. 1930 erschien endlich eine entschärfte Übersetzung des gesamten Buches. Es ist diese alte, verfälschende Übersetzung, die vor zwei Jahren wieder aufgelegt wurde. Die Rezension in Le Monde war gleichwohl überschrieben: "Ein unbekanntes Genie?", und sie endete: "Warum nicht?"

Nun ist dieses merkwürdige Buch unter dem Titel "Von der Anmut im Schlafe. Intimes Tagebuch" in der Friedenauer Presse erschienen. (Berlin 1995; 152 S., 36,- DM) Walter Boehlich hat es direkt aus dem argentinisch-spanischen Original übersetzt und mit Anmerkungen sowie einem Nachwort versehen, das die wenigen bisher bekannten biographischen Daten des Autors mit zahlreichen Fragezeichen referiert und dem Buch in knapper Analyse literarischen Rang und Stellung innerhalb seiner Zeit zumißt.

Boehlichs Quelle, eine späte autobiographische Notiz des Vizconde von 1934, gibt nur weitere Rätsel auf: "Vizconde de Lascano Tegui, Alter unbekannt (1887), geboren in Entre-Rios, schreibt seit 1909. . . Literarischer Akrobat, wechselt häufig Namen und Haltung und erlaubt sich den Luxus, mehrere Bücher gleichzeitig zu schreiben, da er nichts Unnützeres zu tun hat. . . Mechaniker, Rentner und Dentist, während des Krieges Trödler auf dem Pariser Flohmarkt, könnte er wegen der Vielfalt seiner Beschäftigungen in den Verdacht geraten, er sei ein Bohèmien - oder ein spekulativer Geist. Weder das eine noch das andere. Er ist ein normaler Mensch, ohne Appetit, ohne Aspirationen und Aussichten. Er lächelt in Gesellschaft und schreibt Verse oder denkt wohl auch in der Einsamkeit."

"Von der Anmut im Schlafe" präsentiert sich als ein über vier Jahre in scheinbar unbeabsichtigter Ordnung geführtes Tagebuch, an dessen Beginn die Andeutung und an dessen Ende die Ausführung eines sinnlosen Mordes stehen. Der Schreiber des Tagebuches ist ein noch junger Mann, irgendwann am Ende des vergangenen Jahrhunderts. Seine Kindheit will er in Bougival verbracht haben, einem Ort an der Seine westlich vor Paris. Die Kinder seines Alters schüchterte der ein wenig eigenbrötlerische Junge damit ein, daß er die meisten Wasserleichen entdeckt hat, Selbstmörder aus Paris, deren Reise "mit einem heftigen Ruck" in den Rädern der Mühlen von Bougival endete.

Bougival im Seinetal, in dieser "grünspanigen Landschaft von der Farbe heller Trauben", war Ende des letzten Jahrhunderts ein Künstlerort und beliebtes Ausflugsziel. Maupassant hat sich seiner Szenerie bedient, Turgenjew verlebte hier sein Exil. Doch dies ist nicht die Welt des jungen Tagebuchschreibers; allenfalls taucht mal am Rande ein Maler auf. Sein Bougival ist von alten Frauen bevölkert, die auf den Tod warten, und, wie man damals sagte, von Philistern. In diesem Nest vor den Toren von Paris verlebt er, offenbar Sohn von Argentiniern, eine französische Provinzkindheit.

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