Blinde Wut

Am 19. September 1910 traten die Kutscher und Träger bei der Kohlenhandlung Kupfer & Co. im Berliner Arbeiterviertel Moabit in den Streik. Sie forderten eine Anhebung ihrer Löhne, die seit 1906 eingefroren waren. Die Firma suchte mit Hilfe von Streikbrechern den Betrieb aufrechtzuerhalten. Der Lohnkonflikt weitete sich rasch zu einer sozialen Revolte im gesamten Stadtteil aus. Die Polizei ging, angefeuert durch den Ruhrindustriellen Hugo Stinnes, den Eigentümer der Berliner Kohlenhändler AG, mit äußerster Brutalität gegen die rebellische Bevölkerung vor. Ein Arbeiter wurde durch Säbelhiebe so schwer verletzt, daß er einige Tage später starb. Doch der Berliner Polizeipräsident von Jagow nahm seine Prügeltruppe gegen alle Kritik in Schutz: "Der Ehrenschild unserer Schutzmannschaft ist rein. Sie hielt tadellose Manneszucht."

Wie es mit dieser "tadellosen Manneszucht" bestellt war, davon konnten sich britische Journalisten überzeugen, die von einem Polizeikommando überfallen und zum Teil erheblich verletzt wurden. Einer der Attackierten, der Korrespondent der Daily News, berichtete: "Ich habe eine ziemlich große Erfahrung mit der Kopflosigkeit, die für die preußische Polizei in kritischen Momenten charakteristisch zu sein scheint, aber ich habe niemals eine so absolut blinde Wut gesehen wie die, von der diese gehorsamen Sklaven eines preußischen Agent provocateur ergriffen zu sein schienen."

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Für den Berliner Historiker Thomas Lindenberger, der die Moabiter Unruhen von 1910 ins Zentrum seiner Untersuchung über die "Sozialgeschichte der öffentlichen Ordnung in Berlin 1900 bis 1914" rückt, hat diese Auseinandersetzung exemplarische Bedeutung. Sie legte nach seiner Ansicht "das Bürgerkriegs-Potential der von Klassenwidersprüchen durchzogenen Gesellschaft des Kaiserreichs bloß". Die besondere soziale Struktur des Stadtteils, das Verhalten der verschiedenen Konfliktparteien und das Nachspiel vor den Schranken wilhelminischer Klassenjustiz werden minutiös analysiert. Besonders aufschlußreich ist, was der Autor über die Reaktion der SPD-Parteiführung in Erfahrung gebracht hat: Sie distanzierte sich nämlich von den Ausschreitungen des "Pöbels" - für Lindenberger ein untrügliches Indiz, wie sehr sie bereits vor 1914 "den Bezug zu den sozialen und politischen Realitäten ihrer Anhänger verloren" hatte.

Der neue, interesseheischende Ansatz dieser Studie liegt darin, daß sie das Moabiter Bürgerkriegsszenario nicht isoliert betrachtet, sondern es einbettet in eine breit angelegte Darstellung gewalttätiger Auseinandersetzungen, wie sie auf Berliner Straßen schon vor 1914 an der Tagesordnung waren. Vom alltäglichen Kleinkrieg, über "Streikexzesse" bis hin zu Wahlrechtsdemonstrationen reicht die Skala der untersuchten straßenpolitischen Konflikte zwischen Obrigkeit und Publikum, wobei der Autor sich jeweils einer doppelten Perspektive - "die von oben und die von unten" - befleißigt. Als Quellengrundlage dienen ihm neben Berliner Tageszeitungen vor allem die Revier- und Spitzelberichte der Abteilung V II (Politische Polizei) des Polizeipräsidiums. Wieder einmal zeigt sich, wie unverzichtbar der Bienenfleiß nicht nur prügel-, sondern auch schreibwütiger Polizeibeamter für die Sozialgeschichtsschreibung ist.

Welch ein historischer Stoff! Aber was hat der Autor daraus gemacht? Über weite Strecken eine staubtrockene Arbeit, verfaßt in einem gequälten Dissertationsdeutsch und überfrachtet durch einen bombastischen theoretischen Überbau. "In der Forschungspraxis führte der indikatorentheoretische Ansatz zu Operationalisierungen, die zwar die Erstellung von Langzeitreihen auf gesamtgesellschaftlicher Ebene durchaus gestatten, dabei aber erhebliche Verluste an Gehalt und Spezifizität der Befunde in Kauf nehmen mußten." Wahrscheinlich muß, wer an deutschen Universitäten ein Summa cum laude bekommen will, so schreiben. Daß es aber auch anders geht - wissenschaftlich fundiert und gut lesbar zugleich -, lehrt etwa ein Blick auf eine vergleichbare Studie der französischen Historikerin Arlette Farge über das "brüchige Leben" in Paris vor der Revolution von 1789 (Wagenbach Verlag, Berlin 1989). Thomas Lindenberger sollte seine wirklich wichtige und in mancher Beziehung innovative Untersuchung noch einmal überarbeiten, und zwar so, daß auch ein größeres Publikum daran Gefallen finden kann.

Thomas Lindenberger:

Straßenpolitik

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