Die Lehre von Lübeck

Nach dem Wechselbad des Verdachts und der Gefühle: Wofür steht Lübeck nun wirklich? Zehn Menschen sind in der schrecklichen Brandnacht zum Donnerstag voriger Woche umgekommen, 38 weitere Asylbewerber wurden verletzt und ihres Obdachs beraubt. Fest steht außerdem, nach bisher verfügbarem Wissen, daß der Brand von jemandem gelegt wurde, der sich im Todeshaus aufhielt, also nicht von einem ausländerfeindlich gesinnten Deutschen. Der Rest ist dringender Tatverdacht und folglich mit Zweifeln aller Art belegt - über die Person des Haupttäters, über Hergang und Motiv der Tat.

Alle wissen, wer zu betrauern ist. Niemand weiß Genaues über den Verbrecher, dem der Zorn gilt. Wer aber die Tat im Innersten nicht kennt, muß über ihre sozialen Wurzeln schweigen und kann von unmittelbaren Folgerungen nur reden, wenn er riskieren will, von neuerlichen Überraschungen in den Ermittlungen widerlegt, gar bloßgestellt zu werden. Wie all jene etwa, die in den ersten Stunden des Entsetzens zurückdachten an die zwei Anschläge auf die Lübecker Synagoge, an Mölln und Solingen und die deshalb an ein rechtsextremistisches Verbrechen glaubten.

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Behalte jeder seinen kühlen Kopf, so gut er kann. Weit vom Schuß macht alte Krieger. Aber wie selbstgerecht nun die Kommentatoren der FAZ vom gegenwärtig sicheren Ufer aus über die "moralisierende Kaste" der Weizsäckers und Vogels herfallen und über die "Sendboten eines Betroffenheitskultes"! Angesichts eines solch grauenhaften Geschehens wählt doch jeder seinen eigenen Selbstschutzmechanismus, weil der Gedanke an ein neonazistisches Verbrechen allen unerträglich ist - und in Wirklichkeit so nahe liegt. Der eine läßt halt nichts an sich heran, bis er alles weiß - der andere stellt sich vorsorglich auf das Schlimmste ein und ruft sogleich Alarm. Manchmal ist Irren wirklich menschlicher.

Im übrigen können sich die "Alarmisten" auch auf den amtierenden Bundespräsidenten berufen: Wenn dies ein rechtsextremistischer Anschlag sein sollte, sei seine Geduld am Ende, hatte Roman Herzog gesagt. Geduld womit? Offenbar plagt auch ihn ein beachtliches Maß an Unbehagen.

Wer dem Politikum von Lübeck auf die Spur kommen will, sollte also jeden Versuch aufgeben, dem jüngsten Verbrechen eine direkte politische Ursache zu unterschieben oder zu behaupten, es lasse sich gerade aus dieser Tat ein handfester Imperativ ableiten. Dennoch zeigen die widersprüchlichen und schnell wechselnden Reaktionen - und der Streit darüber - eines: unser mühsam unterdrücktes schlechtes Gewissen.

Gewiß darf man darüber erleichtert sein, daß es sich dieses Mal nicht um einen ausländerfeindlichen Anschlag handelte, was denn sonst? Aber dieses Wissen begründet noch lange keine Erleichterung darüber, daß wir unser Verhältnis zu den bei uns wohnenden Ausländern und den Asylbewerbern ein für allemal gut geregelt hätten. Das nämlich kann einer krisengeschüttelten Industriegesellschaft unter Migrationsdruck selbst im günstigsten Fall nur annäherungsweise gelingen. Auch deshalb hängt die Möglichkeit eines ausländerfeindlichen Verbrechens drohend wie ein Gewitter über allen, dachten nach Lübeck so viele gleich an das Schlimmste.

Und dies, obwohl die Zahl solcher Brandanschläge sich deutlich verringert hat. 1992, im Jahr von Rostock und Mölln, wurden noch 596 dergleichen Verbrechen registriert; 1993, im Jahr von Solingen, waren es 284. Im Jahr 1994 waren es 80, im ersten Halbjahr 1995 noch 19 - jeder davon immer noch einer zuviel. Doch diese Entwicklung, die sich auch im Rückgang aller fremdenfeindlichen Straftaten spiegelt (von 6336 im Jahr 1992 über 6721 im folgenden Jahr auf 921 im ersten Halbjahr 1995), ging einher mit der massiven Entkernung des Asylrechts im Jahr 1993.

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