Tanz unter dem Vulkan

von Claudio Schmid

Er schlief seit über 600 Jahren, und die Menschen in seiner Nähe scherten sich nicht um ihn. Vor vier Jahren jedoch meldete er sich wieder zurück. Er begann zu rauchen, zu beben und schließlich zu zerstören - der philippinische Vulkan Pinatubo. In diesen Tagen jährt sich der schwerste Vulkanausbruch dieses Jahrhunderts zum vierten Mal. Dennoch fordert die Katastrophe immer noch Opfer. Die Region um den Berg kämpft gegen die Folgen, lernt mit ihnen zu leben und sucht sogar Möglichkeiten, davon zu profitieren: Eine neue Einnahmequelle ist auch der Tourismus.

Das Zusammentreffen zweier mächtiger Kontinentalplatten ist die Ursache der vulkanischen Aktivität auf den Philippinen. Über den ganzen Inselstaat verteilt, gibt es über zwanzig aktive Vulkane. Nur achtzig Kilometer von der Hauptstadt Manila entfernt liegt der Pinatubo. 200 000 Filipinos lebten an den Hängen des Berges, weitläufige Reisfelder und unzählige Dörfer überzogen die Ebene. Sie galt als die fruchtbarste Region der Inseln.

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Die Einheimischen waren überrascht, als sie im April 1991 beobachteten, wie Rauch aus den Flanken des Pinatubo entwich, denn die Geschichten der Vorfahren erzählten nichts von einem Feuerberg. Erdbeben, an Intensität und Häufigkeit beständig steigend, begleiteten die Erscheinung.

Der größte US-Luftwaffenstützpunkt Asiens, Clark Airbase, lag nur sechzehn Kilometer vom Krater des Pinatubo entfernt, nahe dem Städtchen Angeles. Zur Zeit des Vietnamkrieges waren über 40 000 Amerikaner auf dem Stützpunkt beschäftigt, 1991 lebten noch über 15 000 Menschen auf der Airbase. Angeles hatte sich voll auf die Bedürfnisse der Amerikaner eingestellt - mit unzähligen Bars, Nachtclubs, guten Restaurants, Hamburgerbuden, Videotheken, Musikläden. Die Stadt lebte von dem Stützpunkt.

Wegen der plötzlichen Aktivität des Pinatubo wurden amerikanische Vulkanologen eingeflogen, um den Berg zu beobachten. Als Anfang Juni 1991 heftige Eruptionen begannen, die Erdbeben stärker wurden und die Experten einen enormen Druckanstieg in einer Magmakammer unter dem Berg feststellten, verließen Hunderttausende Einheimische ihre Dörfer. Am 10. Juni 1991 schließlich wurde die Clark Airbase geräumt. Die Experten rechneten mit einer mächtigen Eruption.

Es geschah schließlich am 15. Juni 1991 um zehn Uhr vormittags. Heftige Erdbeben begleiteten den Vulkanausbruch. Über vierzig Kilometer schleuderte der Berg seine Aschemassen in den Himmel. Ausgerechnet zur gleichen Zeit fegte ein Taifun über das Land. Schlamm- und Glutlawinen ergossen sich ins Tal. Heißer Ascheregen ging nieder. Der Tag wurde zur Nacht. Stundenlang regnete es Asche und Steinbrocken.

Das ganze Ausmaß der Katastrophe zeigte sich erst am nächsten Morgen. Das einst so fruchtbare Land glich einer Mondlandschaft. Die graue Vulkanasche, so fein wie Mehl, hatte alles zugedeckt. Unzählige Dächer brachen unter der Last zusammen. Schlammlawinen hatten Dörfer, Straßen, Brücken und jede Vegetation zerstört.

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