Verhaften Sie die üblichen Verdächtigen", heißt es am Ende von "Casablanca". Der Form ist Genüge getan, aber der Wahrheit nicht geholfen. In Bryan Singers Film ist es genauso. Seine Helden sind Leute, die mit der wirklichen Geschichte nichts zu tun haben, aber dennoch für die Erzählung herhalten müssen. Ansonsten muß man sich hüten, den Film beim Wort zu nehmen.

Die üblichen Verdächtigen, das sind fünf Gangster, die zu einer Gegenüberstellung aufs Revier geholt werden. Sie haben nichts miteinander zu tun; aber nach einer Nacht in der Zelle beschließen sie, genau das anzustellen, was sie vorher nicht getan haben. Sie überfallen einen "Taxi-Service", den korrupte Cops für Drogenkuriere betreiben. Dabei machen sie nicht nur fette Beute, sondern lassen auch noch den Ring auffliegen. Der Skandal in den Reihen der Polizei ist ihre Rache für die falsche Verdächtigung.

Eine andere Geschichte, ein anderer Anfang: Im Hafen von San Pedro ist ein Frachter in die Luft geflogen. Es gibt nur zwei Überlebende: Der eine, ein Ungar, liegt im Sterben und nennt immer wieder denselben mysteriösen Namen - Keyser Soze. Der andere, ein Krüppel, sitzt in Untersuchungshaft und erzählt einem Polizisten, wie es zu der Explosion gekommen ist. Alles, behauptet er, habe vor sechs Wochen bei einer Gegenüberstellung angefangen . . .

Als Hitchcock 1950 in "Die rote Lola" Marlene Dietrichs Lüge zur Rückblende machte, wurde ihm vorgeworfen, er spiele mit gezinkten Karten. Seither weiß man zwar, daß man nicht immer für bare Münze nehmen darf, was das Kino uns zeigt, aber im Zweifel läßt man sich noch jedesmal hinters Licht führen. Daß bei der Erzählung hier nicht alles mit rechten Dingen zugehen kann, bekommt man relativ früh mit. Aber was nicht stimmt, erfährt man erst am Ende. Die Lösung ist relativ einfach und um so vergnüglicher.

Der Film ist wie eine Zwiebel. Wer einmal anfängt, Haut um Haut abzuschälen, steht am Ende mit leeren Händen da. Je mehr Schichten freigelegt werden, desto weiter entfernt man sich von der Wahrheit. Singer und sein Autor Christopher MacQuarrie bauen natürlich darauf, daß sich ihr Film vom Ende her, wenn er sich endlich in die Karten blicken läßt, kaum mehr aufrollen läßt. Aber die Geschichte ist geschickt genug konstruiert, um auch einem zweiten Sehen standzuhalten. All die losen Enden des Plots lassen sich schließlich dem Erzähler in die Schuhe schieben, der sich zum Polizisten verhält wie Scheherezade zum Sultan.

In dieser tausendundersten Nacht des film noir begnügt sich die Kamera damit, alles in ein möglichst vorteilhaftes Licht zu rücken. Den Rest erledigen die Schauspieler, auf die sich Singer verlassen kann: Gabriel Byrne, Chazz Palmintieri, Stephen Baldwin, Kevin Pollak, Pete Postlethwaite und Kevin Spacey, dessen leise Stimme schon in "Sieben" das Blut in den Adern gefrieren ließ und der auch hier nicht ganz so harmlos ist, wie er aussieht. Dabei ist er nur der übliche Verdächtige.

Keyser Soze war der meistzitierte Name des letzten Jahres im amerikanischen Film. Er ist das Phantom, das durch jede Geschichte geistert, der Mabuse, dessen tausend Augen alles sehen, der MacGuffin, der alles und nichts bedeutet. David Thomson, der in Amerika über Film schreibt, hat gehöhnt, Quentin Tarantino sei der Keyser Soze des neueren amerikanischen Kinos. Er hat das als Vorwurf gegen die neue Generation gemeint, deren Filme mehr von anderen Filmen als vom Leben selbst erzählen. Dabei hat er übersehen, daß in "Usual Suspects" genau das zum Thema gemacht wird: Hier geht es nicht mehr darum, was erzählt wird, und nicht einmal darum, wie erzählt wird - sondern nur noch darum, daß erzählt wird. "Der beste Trick des Teufels", sagt der Erzähler, "war es, die Welt davon zu überzeugen, daß er nicht existiert." Der beste Trick des Films ist es, die Zuschauer davon zu überzeugen, daß dieser Satz stimmt.