LONDON. - Shakespeares Julius Cäsar hegte in dieser Frage keinerlei Zweifel: "Laßt wohlbeleibte Männer um mich sein", sagte er, "mit glatten Köpfen, und die nachts gut schlafen." Mit Helmut Kohl in seiner Umgebung hätte er sich gewiß wohl gefühlt. Der Bundeskanzler ist ein Mann, der sich an seinem prächtigen Gewicht ergötzt. Er trägt seinen Bauch wie eine Auszeichnung. Er schwingt sich auf eine Rednertribüne mit hervorstechendem Embonpoint, und er steht nicht einfach da, er benutzt seinen Körper, um den Raum zu füllen. Seine massige Gestalt ist nicht nur seine politische Losung. Sie ist sein Bekenntnis, ein Zeichen der Selbstsicherheit wie des Stils. Der Mann kennt keine Selbstzweifel. Er liebt es zu essen, und er nutzt jede nur mögliche Gelegenheit dazu.

Als sei es nicht genug, mit dieser fülligen Präsenz seine schlankeren und hungrigen Rivalen, unscheinbarere Sterbliche, ja jedermann zu ärgern, hat er nun mit seinem ungezügelten Appetit auch noch für ein Kochbuch geworben: "Kulinarische Reise durch deutsche Lande". Es preist nicht nur die deutsche Küche, sondern auch alles, für das sie steht: Mutterliebe und Apfelstrudel, Hausmacherkost, handgeschriebene Rezepte aus dem Familienkochbuch und vor allem die wunderbare Wurst.

Deutschland ist ein Wurstparadies, das macht sein Buch klar. Jede Größe und Sorte von Wurst wird in dem Text mit Liebe gewürdigt: von der mächtigen Bratwurst bis hin zur stummeligen bayerischen Weißwurst. In Deutschland konsumieren jeder Mann, jede Frau und jedes Kind im Durchschnitt 25 Kilo Wurst pro Jahr.

Und das ist noch nicht alles. Die Ehrentafel des Kanzlers ist auch ein Tribut an die herzhafteste und schwerste Küche, die einem Koch je vorschweben könnte: gepökelte Schweinshaxe mit Sauerkraut; Karpfen in dunklem Bier; Schweinemagen gefüllt mit Äpfeln; gefüllte Kartoffelpfannkuchen; Kalbsnierenbraten; Klöße mit Entenbrust und Pflaumensoße.

Diese endlose Darstellung von kulinarischer Inkorrektheit (culinary incorrectness) muß man einmal mit dem traurigen Bild des ehemaligen britischen Finanzministers Nigel Lawson kontrastieren, der das Wohlleben der Diät geopfert hat. Er ist ungeheuer stolz darauf, bei einem furchtbaren Angriff auf seine einst stattliche Figur weit über zwanzig Kilo verloren zu haben. Er schreibt sogar ein Buch, um das zu feiern.

Aber Lord Lawson ist nur noch ein Schatten seiner selbst, physisch und politisch. Verschwunden ist die Aura der Selbstsicherheit wie die seiner selbstbewußten Gürtellinie.

Ganz anders der deutsche Kanzler. Seine Genußsucht gewährt ihm mehr als Befriedigung. Sie ist Ausdruck seiner Identifikation mit dem deutschen Durchschnittsbürger, das Geheimnis seines politischen Erfolges. Sie ist gleichzeitig eine Würdigung der nationalen Identität, der kulturellen Unterschiede in der deutschen Küche.