Da leuchten die roten Dächer und die weißen Türme der Stadt, da wälzt sich die Donau breit und träge vorbei - und doch scheint der Ort im Bermudadreieck zwischen Nürnberg, Regensburg und München einfach zu verschwinden. "Es ist vielleicht falsch zu sagen, Ingolstadt habe ein schlechtes Image. Vielmehr ist das, was es bieten kann, wenig bekannt", steht fast resignativ in einem Ingolstädter Bildband, Fazit jahrelanger Versuche, die Augen der Touristen auf die kleine Stadt an der Donau zu lenken. Vergeblich. Selbst dem unweit gelegenen Augsburg oder Landshut geht's da besser - vom vielbesuchten Altmühltal fast vor den Toren ganz zu schweigen. Doch das soll sich ändern.

Dank Frankenstein.

Frankenstein? Ja, genau der. Namensgeber für die Mär von dem gänsehauterregenden künstlichen Geschöpf, bei der jeder an den Gruselstreifen mit Boris Karloff denkt. Oder, in jüngster Zeit, an Kenneth Branagh, den englischen Filmemacher, der die romantische Zombiestory als vorläufig letzter in düster-dramatische Bilder gesetzt hat.

Wobei gleich ein weitverbreiteter Irrtum richtiggestellt werden sollte: Frankenstein heißt der Schöpfer des grauslichen Wesens.

Das Ding selbst hat keinen eigenen Namen. Es ist nur Kreatur.

Ein Monstrum. Eins, das, will man der Fiktion glauben, in einem vollgestopften Laboratorium auf einem Ingolstädter Dachboden entstanden ist.

So wenigstens erzählte es Mary Shelley, Autorin des 1816 erschienenen Schauerromans "Frankenstein oder der moderne Prometheus". Nach Ingolstadt kam der junge Schweizer Student Victor Frankenstein: "Endlich sah ich den hohen weißen Kirchturm der Stadt." In Ingolstadt studierte er die modernen Naturwissenschaften, verbiß sich in die Idee, gottgleich einen künstlichen Menschen zu schaffen. Hier, auf einem Ingolstädter Friedhof, grub er heimlich die Leichen aus, die er für sein Experiment brauchte, "ein Friedhof war für mich nur das Lager für Körper, die des Lebens beraubt waren".

Anschließend brachte er sie in sein Labor: "In einem einsam gelegenen Raum, eher einer Zelle, oben in einem Haus, von allen anderen Zimmern durch eine Galerie und eine Treppe getrennt, hatte ich meinen Arbeitsraum für dieses schmutzige Schöpfungswerk eingerichtet."

Und dann, in einer düsteren Novembernacht: "Es war schon ein Uhr Morgens; der Regen trommelte trostlos gegen die Scheiben, und meine Kerze war fast heruntergebrannt, als ich im Schimmer des halb erloschenen Lichtes sah, wie sich das trübe gelbe Auge des Geschöpfes öffnete."

Nun hat die Stadt diesen Frankenstein endlich für sich entdeckt: Auf seinen Spuren kann der Besucher durch das historische Ingolstadt schlendern, dessen Kern fast so erhalten ist wie vor vielen hundert Jahren: Der Fremde steht vor dem weißen Turm der Moritzkirche, an dessen Fuß einmal der älteste Friedhof lag; vor der "Hohen Schule", der Universität, an der Herr Frankenstein studierte; vor der "Alten Anatomie", in der er das Sezierhandwerk lernte; vor den niedrigen Häusern um die "Schleifmühle"; in einer der krummen Gassen im einstigen Univiertel, wo auf einem Dachboden das monströse Geschöpf das Licht der Kerze erblickte.

Ein Spaziergang, der allerdings einer gewissen Komik nicht entbehrt: Mary Shelley hat die Stadt nie besucht, sie kannte sie wahrscheinlich nur aus Erzählungen von Freunden. Darum bleiben ihre Ortsbeschreibungen auch vage - daß es einen Kirchturm, einen Friedhof, Häuser mit dunklen Dachböden gab, konnte sie in einer alten Stadt als selbstverständlich voraussetzen. Und natürlich hat auch Frankenstein nie existiert.

Er ist Mary Shelleys Erfindung, eine reine Fiktion. Und so strotzt der Stadtrundgang auf seinen Spuren nur so von "könnte" und "hätte" und "wenn er denn gelebt haben würde". Dieser konjunktivische Frankenstein verdeckt fast, was das wirklich Spannende ist: die historische Wahrheit, die den Roman der Mary Shelley einbindet in die (Geistes-)Geschichte Ingolstadts. Denn die Schriftstellerin hat den Ort für ihren Roman wahrscheinlich mit Bedacht gewählt: als eine philosophische Hommage an einige der führenden Gelehrten der Zeit.

Mary Shelley war nicht nur die Tochter der Mary Wollstonecraft, einer der ersten englischen Frauenrechtlerinnen. Ihr Vater William Godwin, Philosoph und Schriftsteller, führte sie auch an die modernen Naturwissenschaften heran, an Medizin und Physik. Und die beschäftigten sich damals vor allem mit einer Frage: Wieso ist der Mensch beseelt? Wieso lebt er? Wie funktioniert er? Ob der Naturforscher als "neuer Prometheus", dem sein Wissensdrang keine Grenzen setzt, ihn gottgleich künstlich erschaffen könne?

Diese Diskussionen wurden gerade in Ingolstadt besonders leidenschaftlich geführt. Die Universität dort war damals ohnehin eine der berühmtesten ihrer Zeit. Jetzt wurde die Lehranstalt, 1472 als erste bayerische Landesuniversität gegründet, weit über ihre Region hinaus in ganz Europa bekannt. Hier, an dieser Ingolstädter Universität, wurde auch 1783 von Professor Johannes Weishaupt der Orden der Illuminaten gegründet, eine aufklärerische Bruderschaft, den Freimaurern nicht unähnlich, sehr erfolgreich und darum nach wenigen Jahren verboten.

Mary Shelleys Mann, der Dichter Percy Bysshe Shelley, war Mitglied der Illuminaten, und auch darum machte sie Ingolstadt zum Schauplatz der Handlung ihres Romans. Gleichzeitig aber nahm sie durch "Frankenstein oder der moderne Prometheus" Partei in einer Debatte, fasziniert vom Thema "neuer Prometheus", vom Menschen als Schöpfer-Gott, der in seinem Forschungsdrang - oder seiner Hybris? - keine Grenzen mehr kennt. Es war also das aufklärerische Ingolstadt, dem Mary Shelley mit ihrem "Frankenstein" Reverenz erwies, ihr Roman Stimme in einer Debatte, die ihre Zeit beschäftigte wie uns heute die Gendiskussion: Wo endet die Freiheit des Forschers? Die Antwort der Mary Shelley fiel eindeutig aus: In seiner Verantwortung dem Geschöpf gegenüber, das er gemacht hat.

Ein Gang durch die Altstadt holt also neben dem fiktiven Frankenstein vor allem diese Wissenschaftsgeschichte zurück: Hier, an der alten Universität, einem rötlichen, schlichten Haus mit steilem Satteldach, nicht einmal sonderlich groß (und trotz Umwandlung in eine Berufsschule immer noch "die Hohe Schul'" genannt), hatten die Gelehrten geforscht und disputiert, ein paar Schritte weiter, in der "Alten Anatomie", Studenten wie Frankenstein in die Wissenschaft vom Menschen eingeführt, ihre m edizinischen Versuche gemacht, seziert - allerdings nur tote Schweine (zur Freude des bratenhungrigen Hausmeisters), denn menschliche Leichen waren tabu. Die "Anatomie" gibt es noch immer, als medizinhistorisches Museum, vollgestopft mit Exponaten aus vielen Jahrhunderten. Frösteln machen in den hellen, schönen Räumen in dem klar gegliederten Barockbau weniger die mumifizierten Skelette als die Folterinstrumente der frühen Medizin, die Hilfsmittel der eifrig-hilflosen Heiler und Quacksalber jener Jahre.

Im formal strengen Garten hinter dem Haus summen im Sommer die Bienen über den Beeten mit den vielen Kräutern, Liebstöckel, Nieswurz, Majoran, Fingerhut und wie sie alle heißen, die einzigen Heilmittel früher, heute erneut zu Ehren gekommen. Und darüber, jenseits der Mauer, aus anderer Perspektive, wieder der Dachreiter der Universität - auf ihre Art die Stadt beherrschend wie sonst nur deren Kirchen und Schlösser.

Aber "Frankenstein" ist auch ein Nachruf: Die Blütezeit der Universität in Ingolstadt endete 1800, als sie ihren Status an Landshut und später an München verlor - nicht zuletzt wegen ihrer aufmüpfigen Gelehrten, der intellektuellen, aufklärerischen, oft auch kirchenkritischen Unruhestifter. Ein bitterer Verlust, den Ingolstadt nie verwunden hat.

Doch die Geschichte der Stadt selbst - das ist bei einem Spaziergang nicht zu übersehen - geht weit hinter die Universitätszeit und den "Frankenstein" zurück. Deutlich gibt sich der Ort als mittelalterliche Gründung zu erkennen, streng axial gegliedert, mit Toren an jeder Ausfallstraße (das schöne "Kreuztor" ist noch heute Wahrzeichen), die in Teilen erhaltene dicke Stadtmauer wirkt als schützender Ring.

Die Stadtmitte heißt Am Stein, einem rundlichen Felsbrocken zu Ehren, den der Teufel vor Wut über den Bau des Münsters "Zur Schönen Unserer Lieben Frau" 1425 auf die Stadt geschleudert haben soll.

Eigentlich hätte Beelzebub schon vorher sauer sein müssen, denn die wohlhabende Bürgerstadt besaß bereits Dutzende älterer Gotteshäuser, die St. Moritzkirche zum Beispiel, die Untere Pfarr mit ihrem weißen Turm, die Franziskanerkirche des alten Klosters, in der viele Professoren begraben sind, die äußerlich unscheinbare Spitalkirche mit ihrem schönen Netzgewölbe. Oder - doch da war Luzifers Kraft wohl schon erschöpft - den spätbarocken Betsaal Maria de Victoria, von den Künstlern der Asam-Familie entworfen und in phantastischem Trompe-l'oeil ausgemalt.

Die "Stadt der hundert Türme" hieß Ingolstadt einst - trotz der Kriegsschäden sind noch viele davon zu bewundern. Auch das alte Münster, um dessen steinernen Fuß der Wind, der wilde Atem Luzifers, nie aufhört zu wehen, eine spätgotische Hallenkirche, durch Fürstenwillen fast ertrotzt. Denn die Wittelsbacher Herrscher hatten den Ort schon 1392 zur festen Herzogresidenz gemacht und aufblühen lassen.

Ein Gang durch die Theresienstraße zeigt die mittelalterlichen Häuser, stattlich und hell, mit repräsentativen Giebeln, eins der schönsten erhaltenen Ensembles dieser Art (wenn man die Augen ab dem ersten Stock schweifen läßt und die oft häßlichen Geschäfte mitsamt ihren oft häßlichen Auslagen im Parterre übersieht).

Anfangs residierten die Wittelsbacher im "Herzogskasten", einem hellen, strengen Bau mit rotem Dach, erst später durch elegant, fast filigran gegliederte Giebel ausgeschmückt. Eine Zeitlang wurde er dann zur Kornscheune degradiert, heute beherbergt er die Stadtbibliothek, direkt neben dem modernen Theaterbau, in dessen großen Fensterscheiben er sich in voller Schönheit spiegelt.

Als Herzogssitz wurde der "Kasten" 1417 durch ein repräsentatives Schloß ersetzt: die Neue Veste, die heute ein reichbestücktes Armeemuseum beherbergt.

Der Krieg war ein Dauerthema in Ingolstadt. "In München sich nähren, in Ingolstadt sich wehren" wollten sich Bayerns Kurfürsten. Sie befestigten die Stadt so, daß selbst der siegreiche Schwedenkönig Gustav Adolf während des Dreißigjährigen Kriegs vor ihr kapitulieren mußte. Die Kanoniere schossen ihm angeblich sogar den Schimmel unter dem Hintern weg, weshalb das edle Tier ausgestopft noch heute als Exponat im Stadtmuseum zu bewundern ist.

Als Napoleon 1800 die alten trutzigen Mauern schleifen ließ, litt Ingolstadt. Nackt und wehrlos lag jetzt der Ort, der einst die militärisch wichtigste Verteidigungsanlage am Ufer der Donau gewesen war. Doch die Bayernherzöge wollten auf ihre Schutzwälle nicht völlig verzichten. Nach Napoleons Fall schickte Ludwig I. daher 1828 seinen Baumeister Leo von Klenze, und der baute einen neuen, gewaltigen, diesmal klassizistischen Befestigungsring, mit sternförmigen Schanzen und zum Teil eleganten Verteidigungsbauten, den "Cavalieren".

Seitdem heißen die Ingolstädter "die Schanzer".

Diesen Teil der Stadt und ihrer Geschichte konnte Mary Shelley in ihrem "Frankenstein" natürlich nicht beschreiben, sie blieb im mittelalterlichen Teil des Ortes, dessen kriegerisch-klassizistisches Erbe sich heute als breiter Grüngürtel mit Gartenschau und Museumsbauten um die Stadt zieht, imponierend weitläufig und großzügig und trotz martialischer Herkunft von betont zivilem Gehabe. Selbst die Donau, einst Teil der Verteidigung, fließt wie ein zahmer Hausstrom durch die Parkanlagen. Viele kleine Seen und Seitenarme, die Spaziergänger genauso anziehen wie Paddler und Schwäne, mildern die Strenge.

Über einen der Wassergräben haben Soldaten vor vielen Jahren eine kleine Holzbrücke gebaut. Durch diese Holzbrücke ist Ingolstadt noch einmal Thema für eine Schriftstellerin geworden: für Marieluise Fleißer, 1902 hier geboren und 1974 gestorben. In ihren Erzählungen und in Theaterstücken wie "Die Pioniere von Ingolstadt" griff sie neben allen sozialkritischen Aspekten auch auf, worunter sie in ihrer Stadt litt: provinzielle Engstirnigkeit, katholische Bigotterie, Unterdrückung aller, die anders waren als "alle".

Das ist gelegentlich auch heute noch spürbar in dieser 90 000 Einwohner großen Stadt, in der immer noch viele viele kennen.

Selbst wenn Ingolstadt mittlerweile seine modernen Seiten hat: Wie ein dritter Gürtel legen sich riesige Industrieanlagen, Raffinerien und ein Autowerk um den alten Kern und den vorgelagerten Festungsteil - Arbeitslosigkeit, Ausländeranteil, Finanzkrisen sind heute die Probleme.

Und trotzdem ist Ingolstadt beschaulich geblieben. Katholisch-bayerisch eben - vielleicht sogar wie die Fleißerin fand -, etwas spießig.

Darum gelten die Erzählungen und Theaterstücke dieser modernen Tochter der Stadt bis heute eher als Nestbeschmutzung denn als große einheimische Literatur - auch wenn die Stadtbibliothek ihren Namen trägt.

Vielleicht fiele das Urteil der Schriftstellerin heute moderater aus, weil das - weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannte - Ingolstädter Theater auch ihre Stücke spielt. Wie denn überhaupt das moderne Ingolstadt einigen Kulturwillen zu erkennen gibt: durch den gelungenen Theaterneubau von Hardt-Waltherr Hämer 1966 oder das Museum für Konkrete Kunst mit seinem für Deutschland einzigartigen Bestand.

Spaziergänge "Auf den Spuren der Marieluise Fleißer" aber sind dennoch nicht en vogue. Da hält man sich lieber an den neu entdeckten Frankenstein mit seinem "würde", "hätte", "könnte", "wäre". Der ist eben unbedenklicher als roter Faden beim Gang durch das Städtchen, an dem so viele vorbeifahren.