Der Nachrichtenjäger

Wie er es macht? Meist geht es so: Zunächst einen sogenannten Aufzieher! Sechs Sekunden, vom Detail in die Totale gezoomt - vom Zinksarg weg auf den gesamten Unfallort. Dann ein neues Motiv, ein neuer Schuß! Etwa auf das Knäuel einer Leitplanke, als Standbild - vier Sekunden! Nun einen Schwenk "über die Situation", nicht länger als zwanzig Sekunden. Zum Schluß vielleicht noch etwas Blaulicht. Fertig.

Mittwoch abend, kurz vor 21.00 Uhr.

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Aus der Sicht von Wolfgang Wiebold, 45 Jahre alt, war es bis jetzt ein beschissener Tag. Es ist nichts passiert im Revier. Jedenfalls nichts, was ihn interessiert hätte: Ein kleiner Raub in Dortmund - die übliche Ringfahndung; im niederrheinischen Kleve Feuer in einem unbewohnten Haus; auf der A 40 ein Unfall, keine Massenkarambolage, kein Geisterfahrer - alles zusammen zuwenig für einen wie Wiebold.

Gut zehn Jahre ist es her, daß er sich als Polizeireporter selbständig gemacht hat. Seitdem lebt Wiebold auf der Überholspur, unter Einsatz eines großkalibrigen BMW, bewehrt mit Funktelephonen und einer Beta-Fernsehkamera im Kofferraum. Er gilt als der schnellste Mann im Land. Grevesmühlen, Solingen, der Flugzeugabsturz in Remscheid - wenn die Konkurrenz am Unglücksort eintraf, rückte das mobile Einsatzkommando Wiebold, Material im Kasten, meist schon wieder ab.

Die Umstände seiner Arbeit? Wiebold bezeichnet sich als "Nachrichtenjäger", andere nennen ihn "Mann ohne Mitleid", "Wegelagerer" und manchmal auch "Arschloch". Rund 450 Einsätze im Jahr, ein Mann, der das Grauen liefert: Ob Tuchfühlung mit dem Gladbecker Geiselgangster Degowski oder die letzten Bilder eines unbekannten Juweliers in Essen-Überruhr, bei Wiebold ist es zu haben.

Er hält drauf, wenn andere nur noch wegsehen wollen. "Ich dokumentiere den Tatort", sagt er dazu. Tränen? Nicht mehr. Wenn er in Ohnmacht fällt, dann nach fünfzig Stunden ohne Schlaf. Auf einmal macht der Kreislauf nicht mehr mit. Zuletzt nach einer Nacht im Freien. Das Gehäuse der Kamera eiskalt, er faßte an den Metallgriff, plötzlich gingen ihm die Beine weg, Wiebold am Boden. Seitdem trägt er Handschuhe im Winter.

Geschwindigkeit ist alles. Um schneller zu sein als die anderen, hat er nicht nur einen Wagen "mit einem großen Brenner". Mit einem Netz von Informanten hat er das ganze Ruhrgebiet überspannt: Kollegen "mit guten Drähten" zur örtlichen Feuerwehr, ihm zuarbeitende Taxifahrer, die am Halteplatz den Polizeifunk hören. Doch heute? Nichts. Noch nichts.

Wie so oft, wenn Wiebold einfach nur wartet, hat er in einer Kneipe unterhalb seiner Essener Wohnung Position bezogen. Er ordert Kaffee, auf dem Tisch, neben den Magnum-Zigarettenschachteln, parkt ein Handy. Allein 3000 Mark Telephonkosten im Monat, langsam könnte es losgehen - immerhin ist draußen Glatteis angesagt. Wiebold inhaliert tief, dann kommt er auf die veränderte Medienlandschaft zu sprechen. "Der Fall Günther Jauch ist nur die Spitze des Eisbergs." Jeder, der eine Kamera halten könne, ein Mikrophon, "der fühle sich heute berufen". Eine neue Generation von Journalisten sei angetreten, "scharf auf die schnelle Mark".

Konkurrenz, schön und gut, nichts dagegen. Schließlich gehe auch er nah ran. "Aber ich habe Angst, daß mir gewisse Kollegen den Beruf kaputtmachen." Es gebe einen Ehrenkodex. Tabu sind Selbstmorde und anonyme Bombendrohungen. Eigentlich. Aber wie war es im vergangenen Jahr? Bombendrohung für den Kölner Hauptbahnhof - die Absperrungen, die leere Halle, alles wurde abgefilmt. Am nächsten Tag das gleiche in Duisburg, wieder einen Tag später war der Bahnhof von Bochum an der Reihe. Wer wolle ausschließen, daß heutzutage ein freier Kameramann, der die ganze Woche nichts in die Kasse bekam, einfach anruft, anonym, "dann kriegt er seine Bilder".

Widerlich das Ganze, auch insofern, als sich das Verhältnis zur Polizei dramatisch verschlechtert habe. Vor wenigen Tagen erst dieser Wohnungsbrand in Duisburg, ein Toter im Dachstuhl, "eigentlich total harmlos, wenn Sie so wollen". Und was tut die Polizei? "Beschlagnahmt mir die Kamera, nimmt mich fest." Als er freigekommen sei, gut zehn Minuten habe es gedauert, war die Leiche längst fortgeschafft, "die Messe damit gelesen".

Verrohung der Sitten, seit 1990 sei dies zu beobachten. "Wissen Sie, ich hatte seinerzeit viel mit Nebelunfällen im Sauerland zu tun." Eine private Produktionsgesellschaft habe damals angeregt, "mit den Eingeklemmten auch gleich Interviews zu führen". Solle man sich mal vorstellen, "aber es wurde wirklich gewünscht".

Mittwoch, 21.45 Uhr.

Das Mobiltelephon klingelt, Wiebold reißt es zum Ohr. Dann lehnt er sich wieder zurück. Kein Großbrand, keine Geiselnahme. Am anderen Ende teuto-Tele, ein Subunternehmen von RTL in Köln, das ihm eine Pauschale zahlt. Also macht er auch dies: eine Umfrage für das RTL-"Nachtjournal". Thema: "Immer mehr Abgaben, immer weniger in der Lohntüte". Wiebold soll kurzfristig, die Sendung beginnt um Mitternacht, die nötigen O-Töne beschaffen. Wütende Männer an Kneipenstammtischen, "Malocher mit Schaum vorm Mund", wie Wiebold weiß. "Also los, ich schlage vor, Richtung Bottrop."

Seit einigen Monaten fährt er seinen schweren Wagen nicht mehr selber. Immer wieder überhöhte Geschwindigkeit, "auf die Dauer läpperte sich das", fürs erste ist der Führerschein weg. Also setzen sich Freunde oder Bekannte für ihn hinters Steuer. Heute ist es Dirk, sein Ziehsohn.

Dirk, 25 Jahre alt, lebte die meiste Zeit seines Lebens in einem Heim in Gelsenkirchen. Vater unbekannt, Mutter nicht interessiert. Bei einem Zugunglück in der Nähe des Kinderheims, Wiebold war rechtzeitig zur Stelle, liefen sich die beiden über den Weg. Weil die Bergung des Lokführers Stunden dauerte - der Reporter benötigte noch ein Bild des Opfers -, kamen sie ins Gespräch. Wiebold hörte sich seine Geschichte an, dann nahm er Dirk - "Was sollte ich tun?" - bei sich auf. Führte ihn eine Zeitlang als seinen Assistenten, der das Telephon bewachte.

Mittlerweile hat Dirk Frau und Kind und Wiebold damit wieder eine Familie. Nach Jahren wieder. Damals - Mitte der Achtziger - war seine Frau einfach gegangen. Die Wohnung war leer, als er eines Abends nach Hause kam. Er hat sie nicht wiedergesehen. Wie er hörte, soll sie einen städtischen Beamten geheiratet haben.

Mittwoch, 23.15 Uhr.

Bottrop bei Nacht. "Es ist ein Scheiße hier", hat Wiebold schnell erkannt. Mit offener Lederjacke über dem Jeanshemd, den Gürtel mit den schwarzen Akkus um die Hüfte geschnallt, hastet er in die Kneipen. "'n Abend, Wiebold für RTL!" Doch überall das gleiche Bild. Es ist wenig los, mittwochs in Bottrop. Hier und da ein paar Männer am Tresen. "Die sind schon zu besoffen, die können nicht mehr schimpfen?" Nein, es hat keinen Zweck. Wiebold winkt ab.

Anruf in der Redaktion: "Also, erwartet nicht zuviel!" Grimmig knallt er den Hörer des Autotelephons zurück in die Konsole. "Hätten die ja auch eher drauf kommen können." Die Zeit drängt. "Das sind so die Momente", sagt Wiebold, "da fragst du dich, warum machst du das? Immer nur ehrliche Arbeit!" Wie leicht wäre es, jemanden zu nehmen, den man kennt, "der ohne Probleme sagt, was man braucht".

Wenig später kommt der Wagen vor dem Werkstor der Bottroper Kokerei "Prosper Haniel" schlingernd zum Stehen. Schichtwechsel. Ein Arbeiter, fröstelnd unterwegs von der Kaue zum Auto, hält vor der Kamera einen Moment inne. "Ja, ich hab' deutlich weniger inne Tüte, is doch ne Sauerei, denk ich ma!" Wiebold nickt, schaltet das Halogenlicht aus. Ein O-Ton, vier Sekunden.

Donnerstag, 1.45 Uhr.

Das RTL-"Nachtjournal" ist gelaufen, auf Wiebolds Beitrag, obwohl noch gerade rechtzeitig über Videobreitbandnetz aus dem Essener teuto-Tele-Studio nach Köln überspielt, wurde verzichtet. Der Reporter verschwendet keinen Gedanken daran. Vorbei. Das Mobiltelephon schellt, ein Informant aus dem Westfälischen: Schwerer Verkehrsunfall auf der A 2, Höhe Hamm-Uentrop, "angeblich drei Personen ex".

Es gibt ein paar Worte, die Wiebold schlagartig wach werden lassen. "Wir brauchen mehr Notärzte . . .!", ". . . sieht aus wie ein Schlachtfeld" oder eben "drei Personen ex" - wenn so etwas über den Polizeifunk kommt, dann fährt Wiebold auf der Stelle alle Antennen aus. Drei Tote, das reicht aus für einen Platz in der Hauptnachrichtensendung im Frühstücksfernsehen.

Es gab eine Zeit, da machte Wiebold auch andere Filme. Für die "Aktuelle Stunde" des Westdeutschen Rundfunks zum Beispiel. "Bildspaziergänge", so hießen die. Das Ruhrgebiet von seiner harmonischen Seite: schöne Landschaften, unterlegt mit schöner Musik. Beiträge, um 1:30 Minuten lang. Bis man ihm sagte: "Mensch, Wiebold, das will doch keiner mehr sehen! Die Quote!"

Seitdem ist er festgelegt. Zwischen fünfhundert und tausend Mark bekommt er für jede angefangene Sendeminute. Neben RTL bedient er Pro Sieben, und mit der Zeit heben auch die Öffentlich-Rechtlichen immer häufiger die Hand. Daß er als Autor niemals genannt wird, macht Wiebold nichts aus. Ein paar Sekunden für die "Tagesthemen", er gibt es zu, "da bin ich stolz".

Donnerstag, 1.55 Uhr.

Wiebold macht sich auf den Weg. 95 Kilometer sind es bis zum Unfallort. Das Thermometer im Armaturenbrett des BMW signalisiert minus 6,5 Grad. Auf einem Display leuchtet der Hinweis "Achtung Bremsbeläge!" Bremsen? Mit Tempo 230 geht es durch die Nacht, Wiebold hat Straßenkarten auf dem Schoß und an jedem Ohr ein Handy. "Jetzt zählt jede Minute", sagt er gepreßt. Recherche. Die Feuerwehr von Hamm bestätigt: Drei Tote! Wiebold fischt nach einer Zigarette, zur Kühlung legt er einen Augenblick lang beide Hände an die Stirn.

Donnerstag, 3.00 Uhr.

Wiebold ist zurück in seiner Wohnung in Essen. Diese Schlacht hat er verloren. Das Autobahnkreuz Dortmund-Nordost lag schon hinter ihm, da kam der Anruf: Bereits alle Opfer weggeschafft. "Kein Leichenwagen im Bild, warum soll ich mir den Hals brechen für ein paar Bremsspuren und etwas gesplittertes Glas?"

Weil er auch jetzt nicht schlafen will - "manchmal glaube ich, ich kann es gar nicht mehr" -, schaltet er für eine halbe Stunde den Fernseher an: Die "Nachtfahrt" im ZDF, Bilder aus einer Lokomotive während einer Reise durch Deutschland, diesmal "von Bad Homburg nach Mainz".

Donnerstag, 5.30 Uhr.

Im Frühstücksfernsehen von RTL geht eine Meldung über den Unfall in Hamm-Uentrop in den Äther. Von drei Toten ist die Rede, leider kein Film.

Donnerstag, 8.00 Uhr.

Anruf von teuto-Tele: Warum haben wir keine Bilder von Uentrop? Wo waren Sie eigentlich?

Donnerstag, 9.30 Uhr.

Anruf vom Westdeutschen Rundfunk: Haben Sie Bilder von Hamm-Uentrop? Ist sonst jemand draußen gewesen? Wiebold beschließt, unter die Dusche zu gehen.

Donnerstag, kurz vor 21.00 Uhr.

Wieder so ein Tag gewesen. Warten. Irgendwann hat sich Wiebolds Wagen in den Feierabendverkehr eingereiht. Ziellos steuert Dirk auf der Autobahn in Richtung Westen. Wolfgang Wiebold hat eine Zeitlang geschwiegen. "Wenn ich alles zusammenzähle", bilanziert er auf einmal, "dann komme ich auf mehr als 25 Sendestunden im Jahr, Wiederholungen inklusive." Auf der Gegenfahrbahn kommt ein Notarztwagen näher und dann noch ein zweiter; Wiebold reckt kurz den Hals. "Wahnsinn", sagt er dann. "Oder?"

 
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