Mehr noch als Heckenschützen und Plünderer müssen die Ifor-Soldaten in Kroatien die Landminen fürchten. Am vergangenen Wochenende tötete eines dieser teuflischen Kriegsgeräte einen US-Soldaten. Eine Woche zuvor waren drei Briten gestorben, als ihr Panzer in Bosnien auf eine Mine fuhr. Bis heute haben die UN-Friedenstruppen insgesamt 42 Minenopfer zu beklagen, knapp die Hälfte kam im ehemaligen Jugoslawien um. Die Vereinten Nationen schätzen die Zahl der Minen allein in Kroatien und Bosnien/Herzegowina auf je drei Millionen. Weltweit stecken über hundert Millionen dieser Mordwerkzeuge im Boden von mehr als sechzig Ländern. Nach UN-Angaben werden jährlich zehntausend Menschen von ihnen zerfetzt und zwanzigtausend verstümmelt - Massenvernichtung in Zeitlupe.

Minen gehören zu den heimtückischsten Waffen. Jahrzehntelang lauern sie auf ihre Opfer, gleichgültig, ob es sich um feindliche Soldaten oder spielende Kinder handelt. Sie machen ganze Landstriche unbewohnbar; verminte Straßen, Brunnen und Fabriken zerstören die Infrastruktur - eine Katastrophe für arme Länder wie Kambodscha, Laos, Mosambik, Angola oder Afghanistan. In manchen Regionen können Hilfsorganisationen bei Hungersnöten nicht einmal die notwendigen Lebensmittel heranschaffen, wegen Minen.

Das ehemalige Jugoslawien war einer der führenden Minenhersteller. In Kroatien müssen Bevölkerung und Friedenstruppen mit sechzehn verschiedenen Modellen dieser Produktion rechnen. Die Hälfte davon enthält kein oder nur sehr wenig Metall und läßt sich mit Metalldetektoren kaum aufspüren. Moderne Instrumente registrieren zwar jede Stecknadel. Aber wenn im Boden zahllose Patronenhülsen und Granatsplitter herumliegen, kommt es ständig zum Fehlalarm.

Ähnlich wie die übrigen 220 Modelle, die im britischen Standardwerk "Military Vehicles and Logistics 1995-96" aufgelistet sind, brillieren sie durch Tücke: Sogenannte Claymore-Minen werden (wie die jugoslawische MRUD) über der Erde aufgestellt und beschießen jeden, der sich nähert, mit Hunderten von Metallsplittern. Die Bundeswehr hat mit der DM-51 eine solche Mine aus DDR-Beständen geerbt. Springminen wie die jugoslawische Prom-1 und die deutsche DM-31, von der die Bundeswehr über einige hunderttausend Stück verfügt, haben zwei Ladungen: Die erste katapultiert die Mine einen Meter in die Höhe, die zweite jagt Splitter in alle Richtungen.

Weil ein Schwerverletzter den Feind länger aufhält als ein Toter, ist bei einigen Minen der Sprengstoff so dosiert, daß sie nicht töten, sondern ihrem Opfer "nur" ein Bein oder einen Arm abreißen. In Tuzla ist mehr als jeder zweite Verstümmelte ein Minenopfer. Die Rate der Amputierten in Kambodscha liegt rund hundertmal höher als in anderen Ländern.

Viele Landminen sind vor Räumversuchen weitgehend geschützt. So lassen sich alle jugoslawischen und deutschen Panzerabwehrminen so verlegen, daß sie sofort hochgehen, wenn man sie aufhebt. Andere Minen zünden, sobald eine Suchnadel sie antippt. Wieder andere explodieren beim Nahen der Metalldetektoren.

Während alle Minen in Kroatien und Bosnien von Hand ausgelegt wurden, verfügen die führenden Militärnationen längst über Verlegesysteme, die Bundeswehr seit 1980. Mit pflugähnlichen Anhängern pflanzen Panzer die tödliche Saat automatisch in die Felder, Flugzeuge und Raketenwerfer streuen minutenschnell Tausende Minen aus. Die Rote Armee hat so Afghanistan vermint, die irakische ihren kurdischen Landesteil und die amerikanische im zweiten Golfkrieg den Südirak. Daß herkömmliche Minen Freund und Feind nicht unterscheiden, stört auch manche Militärs. So klagt General Alfred Gray, Exkommandant der US-Marineinfanterie: "Wir bringen mehr Amerikaner mit unseren eigenen Minen um als irgend jemanden sonst. Was zum Teufel nützen all die aus der Luft verlegten Minen, wenn man selbst bald durch dieses Gebiet muß?" Rüstungsfirmen forschen daher längst an "intelligenten" Minen mit Freund-Feind-Kennung. Deutsche Unternehmen wie Dynamit Nobel (Werbeslogan: "Bei Minen die erste Adresse"), Diehl, Rheinmetall oder Daimler-Benz Aerospace rühmen sich ihrer führenden Positionen.