Der Stammbaum der StifteSeite 2/2

Kompromisse durchziehen Evolutionen in der Kultur wie in der organischen Welt. Veränderungen schleppen sich immer auf der Basis des Gegebenen dahin. In der fünftausendjährigen Geschichte der Schreibgeräte fußten Verbesserungen immer auf schon Bekanntem und Bewährtem. Die Metallfeder etwa stellt nur ein Imitat des zugespitzten unteren Teils der Kielfeder dar. Die ersten Federhalter waren abgeschnittene Federkiele, in die man Stahlfedern einführte. Erst später kamen Halter aus Holz oder Metall auf. Um möglichst selten eintunken zu müssen, nutzte die sogenannte Reservoirfeder das Federprinzip doppelt: Eine Unterfeder, die zusätzlich Tinte speichern konnte, fütterte die Schreibfeder. Als nach der Erfindung des Füllers das Problem anstand, den Tintenfluß zu regulieren, kam zunächst niemand auf die Idee, sich vom Kapillarsystem der Feder zu trennen und Ventile zu benutzen. Das blieb dem späteren Entdecker des Tintenkulis vorbehalten. "Alle kulturellen Phänomene sind zusammengesetzt aus traditionellen Strukturen und punktuellen Neuerungen", konstatiert Liedtke.

Grundlegende Erfindungen wie etwa Tintenleiter, Selbstfüller oder Kugelschreiber riefen jeweils Entwicklungsschübe hervor. Zahlreiche neue Produkte tauchten in kurzer Zeit auf. Ähnliches ist aus der Biologie bekannt. Nach der "Schlüsselentdeckung" Warmblütigkeit etwa lief die Differenzierung der Arten auf Hochtouren. Auch die Variationsrate bestimmter Merkmale weist Parallelen auf. So verändern sich unwichtige Details wie Dekor oder Farbe schnell, die technischen Prinzipien dagegen gemächlich. Die Stiftform blieb sogar von den Anfängen bis heute erhalten. Analog kann die quergestreifte Herzmuskulatur im Gegensatz etwa zur Farbe der Haare kaum variieren, da sie lebenswichtig ist. Und: Je differenzierter ein Organismus oder ein Schreibgerät ist, desto schneller wandeln sich seine Teile.

Schon die Alten Ägypter verzierten vermutlich ihre Schreibbinsen. Durch die Jahrtausende begannen alle Schreibgeräte bereits "luxurierend zu balzen", als sie aus heutiger Sicht noch technisch unausgereift waren. Aus mancher Stahlfeder stanzten Handwerker so kunstvolle - meist lateralsymmetrische - Muster aus, daß sie zum Schreiben nicht mehr zu gebrauchen war. Dennoch fanden derartige Stücke als Souvenir, Schmuck oder Sammlerobjekt ihre Käufer. Auch manche Tierarten nehmen für beeindruckendes Aussehen Nachteile in Kauf. So schmälert der imponierende Schwanz des Pfaus seine Flugkünste erheblich.

Jedes Lebewesen muß sich nicht nur an seine Umwelt anpassen, es verändert sie auch. Dasselbe fand Liedtke bei Schreibgeräten. Zwei Beispiele: In der mesopotamischen Kultur wurde auf Ton geschrieben. Da sich darin mit den damals üblichen Schreibstäbchen nur schlecht Kurven ziehen ließen, besteht die Keilschrift aus geraden Linien; die Keile gingen aus den Wulsten hervor, die das Eindrücken der dreikantigen Stäbchen erzeugte. Anfang des 19. Jahrhunderts verbrauchte ein professioneller Schreiber täglich fünf Federkiele. Der damalige Bedarf in Deutschland wird auf jährlich etwa fünfzig Millionen Federn geschätzt. Da eine Gans nur zehn bis zwölf Kiele liefert, entstanden in Polen und Rußland riesige Gänsezuchten.

Die biologische Evolution verfolgt zwei Strategien: die Mutation der Gene und ihre Kombination bei der geschlechtlichen Fortpflanzung. Eine Optimierung durch Mutation erfuhr jedes Schreibgerät im Laufe seiner Geschichte. So ersannen findige Köpfe Federn mit höherer Tintenkapazität, Füllfederhalter mit leistungsfähigeren Pumpsystemen oder Kugelschreiber mit gleichmäßigerem Tintenfluß. Aber geschlechtliche Fortpflanzung bei Stiften? Mutig formuliert Liedtke auch hierfür ein Analogon: Große Erfindungen seien immer der Kombination verschiedener Techniken zu verdanken. Das Prinzip des Gänsekiels etwa, verknüpft mit dem unabhängig erfundenen Metall, ergab die Stahlfeder; Federhalter und Pipette verschmolzen im Schlauchfüller, Bleistift und Drehmechanik im Drehbleistift.

"Im Gegensatz zu solchen Phasensprüngen dauert das Finden neuer Merkmale durch geschlechtliche Fortpflanzung freilich Jahrtausende und hat enge Grenzen", räumt Liedtke ein. Er behaupte auch gar nicht, kulturelle Erscheinungen lückenlos mit Darwins Theorie erklären zu können; sie ist eine Metapher, die neue Ideen anstößt. Schließlich gehe es nicht um die Weitergabe genetischer Information, sondern um die Übermittlung von Wissen. Und das funktioniere erheblich rasanter. Denn zum einen experimentiere die Natur ziellos, während sich durch Gedankenspiele - oder Computermodelle - Entwicklungsstufen überspringen ließen. Zum anderen könne man Maus und Elefant eben nicht kreuzen. "Qualitative Sprünge in der Kultur kommen dagegen ausschließlich durch die Verknüpfung ganz verschiedener Dinge zustande", urteilt er.

"Deswegen ist nichts so erfolgversprechend wie interdisziplinäre Arbeit", sagt der Physiker Liedtke. Die will er in einem Projekt mit dem Titel "Ablaufformen kultureller Entwicklungen", das die Deutsche Forschungsgemeinschaft unterstützt, weiter betreiben. Denn die heute übliche Trennung von Geistes- und Naturwissenschaften ist für ihn "ein schwerer Sündenfall".

 
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