In diesen Tagen soll, so die Planung, der amerikanische Spaceshuttle Columbia zu einem spektakulären Weltraummanöver starten, das einem Science-fiction-Roman entsprungen sein könnte. Die sieben Astronauten an Bord - unter ihnen ein Schweizer und ein Italiener - sollen knapp 300 Kilometer über der Erde ein Kabel entrollen, an dessen Ende eine Aluminiumkugel von 1,60 Meter Durchmesser hängt, die vollgestopft ist mit elektronischen Meßgeräten. Die Nabelschnur ist kaum dicker als eine Spaghetti, aber über zwanzig Kilometer lang.

Wichtigstes Experiment des amerikanisch-italienischen Gemeinschaftsprojektes TSS (Tether Satellite System) wird es sein, mit dem Kabel Strom zu erzeugen. Das soll ähnlich funktionieren wie bei irdischen Stromgeneratoren. Das ausgerollte Kabel saust durch ein Magnetfeld, nämlich das der Erde, und dadurch entsteht elektrische Spannung. Die Wissenschaftler erwarten rund 5000 Volt. Damit Strom fließen kann, braucht es nur noch einen geschlossenen Kreislauf. Den soll ein sogenanntes Elektronengewehr herstellen. Feuert es, ist der Stromkreislauf komplett: Die Metallkugel zieht Elektronen aus ihrer Umgebung an, das Kabel leitet sie zur Raumfähre, und das Gewehr - ein Kasten, der mit einem Schießeisen wenig gemein hat - bringt sie zurück in die Ionosphäre, jene elektrisch leitende Schicht der äußeren Atmosphäre, durch die Columbia fliegt. Um das Kabel nicht zu sehr in Schwingungen zu versetzen, soll weniger als ein Ampère Strom fließen, was aber immerhin noch für einige Kilowatt Leistung sorgen würde. Freilich gibt es auch 300 Kilometer über unseren Köpfen Strom nicht zum Nulltarif. Vielmehr wird das ultralange Flugobjekt dadurch abgebremst, daß Elektronen durch das Kabel rauschen.

Ob künftig jemals Raumschiffe mit einer langen Leitung Elektrizität gewinnen, ist daher fraglich. Sinnvoll könnte es aber zumindest dann sein, wenn eine Sonde sowieso an Tempo verlieren soll.

Genauso wie Generatoren auf Erden eigentlich nur umgedrehte Elektromotoren sind, könnten lange Kabel auch Antrieb für Raumfähren liefern. Ließe man einen Strom in Gegenrichtung fließen, also vom Shuttle zur Metallkugel, würden das stählerne Kabel und alles, was an ihr hängt, beschleunigt.

Die Nasa und die italienische Raumfahrtagentur Asi (Agenzia Spaziale Italiana) wollen nicht nur eine neue Art der Stromerzeugung im All demonstrieren. Der Satellit an der Leine soll auch mit verschiedenen Instrumenten die Ionosphäre erkunden. Das ausgerollte Kabel könnte überdies, als Antenne genutzt, extrem langwellige Strahlung aussenden. Da diese tiefer als normale Radiowellen in Seewasser eindringt, hoffen Militärs, über Weltraum-Spaghetti eines Tages mit untergetauchten U-Booten kommunizieren zu können.

Bevor die Wissenschaftler sich ihren Experimenten widmen können, gilt es, einen Drahtseilakt zu vollführen: Das Kabel muß schließlich erst mal abgerollt werden - was nicht ganz einfach ist. Bereits vor dreieinhalb Jahren versuchte eine Crew des Spaceshuttle dieses Kunststück. Doch nachdem 260 Meter abgewickelt waren, verhakte sich der Abspulmechanismus, das Experiment mußte abgebrochen werden. Schuld daran war hauptsächlich ein kleiner Bolzen von weniger als einem Zentimeter Durchmesser. Mit verbesserter Technik soll diesmal nun alles klappen.

In der Ladebucht der Raumfähre sitzt die Alukugel auf der Spitze eines zusammengefalteten Gitterturms. In der Umlaufbahn wird der Turm, der dann von der Erde wegweist, auf zwölf Meter Höhe ausgefahren. Dann gibt der Haltemechanismus die Kugel frei, und die Columbia-Mannschaft rollt das Kabel langsam ab. Kleine Triebwerke an der Kugel sorgen dafür, daß sie sich vom Shuttle entfernt und das Seil straff bleibt.