Gorbatschow: Auf der Beerdigung von Generalsekretär Tschernenko sprach ich nicht nur mit George Bush (damals Vizepräsident) und Margaret Thatcher, sondern auch mit den Führern der osteuropäischen Länder. Ich sagte zu allen: "Ich möchte Ihnen versichern, daß die Prinzipien, die hier verkündet wurden - Gleichberechtigung der Staaten und Nichteinmischung in innere Angelegenheiten -, jetzt wirklich unsere Politik sind. Die Verantwortung für die Lage in Ihren eigenen Ländern tragen daher Sie selbst. Wir brauchen die Perestrojka und werden sie in unserem eigenen Lande durchführen. Sie entscheiden darüber selbst." Ich sagte, dies sei das Ende der Breschnjew-Doktrin. Ich muß sagen, sie wirkten alle recht skeptisch. Sie dachten wohl: "Na ja, Gorbatschow hat vor den Vereinten Nationen von Truppenabbau gesprochen. Er redet von Reformen im eigenen Land. Er ist wohl gerade in Schwierigkeiten. Er wird die Dinge ein bißchen verbessern, und dann wird die Sowjetunion wieder ihren alten Kurs einschlagen. Das wäre das übliche Spiel bei Sowjetführern." Solange ich an der Macht war, hielten wir uns an die Politik, die ich verkündet hatte. Wir haben niemals interveniert, nicht militärisch und nicht einmal politisch.

Bush: Wir waren skeptisch (gegenüber Gorbatschows Erklärungen zur Nichteinmischung; Anm. d. Red.). Wir blieben zurückhaltend. Wir wollten in diesen osteuropäischen Ländern nichts provozieren, was die sowjetische Führung zum Handeln hätte zwingen können. Ich erinnere mich, daß ich, als ich Vizepräsident war, General Wojciech Jaruzelski in Polen besuchte. Er hatte übrigens das Gefühl, unter allen osteuropäischen Führern stünde er Ihnen am nächsten. Wir waren uns über den Spielraum an Freiheit nicht sicher. Und ich glaube, auch Jaruzelski konnte sich das nicht so leicht ausrechnen.

Mitterrand: Die Ereignisse in Polen waren sehr symbolkräftig, doch mehr nicht. Mit Solidarnosc waren die Gewerkschaften erwacht, aber die Sowjetunion hatte die Entwicklung immer unter Kontrolle behalten, anders als in der Tschechoslowakei. Der Zusammenbruch begann, als die unglaubliche Auswanderungswelle aus Ostdeutschland nach Ungarn und in die Tschechoslowakei und später nach Westdeutschland alle Dämme brach. Das war das Ende des sowjetischen Imperiums. Hätte Gorbatschow beschlossen, in diesen Ländern des sowjetischen Einflußbereichs Gewalt anzuwenden, niemand hätte etwas dagegen unternehmen können. Aber er machte deutlich, daß er diese Option für einen historischen Fehler gehalten hätte. Als Gorbatschow dem Staatschef der DDR sagte, er wolle zur Lösung der Krise keine Gewalt einsetzen, denn dies sei ein neuer Tag und ein neues Spiel, da war das Ende gekommen. Die Bruchstelle lag nicht in Warschau oder Prag - sie lag in Ost-Berlin. So waren die kommunistischen Führer in Deutschland zwar auch weiterhin kommunistische Führer, aber es gab nichts mehr zu führen. Es war eine wirkliche und friedliche Revolution des Volkes, gegen die sie nichts machen konnten. Danach brach alles in sich zusammen, und das führte zur Umwandlung Europas und zur deutschen Einheit.

Bush: Als die Berliner Mauer fiel, wußten wir nicht, ob sich in der Sowjetunion nicht Kräfte regen würden, die der Meinung sind: "Genug ist genug, wir werden uns dieses Kronjuwel nicht nehmen lassen, schließlich haben wir dort Truppen stationiert." Bei einem Interview, das ich damals im Weißen Haus gab, wurde ich gefragt, warum ich nicht die Glücksgefühle des amerikanischen Volkes beim Fall der Berliner Mauer teile. Die Oppositionsführer im Kongreß forderten mich auf, hinüberzufahren und mich mit all den Studenten auf die Mauer zu stellen, damit die Welt sähe, wie den Amerikanern ums Herz sei. Ich war sehr aufgewühlt, aber ich hielt es nicht für den richtigen Zeitpunkt, Michail Gorbatschow oder das sowjetische Militär zu provozieren. Wir waren schon sehr früh für die deutsche Einheit und hatten das Gefühl, daß sich die Dinge schon richtig entwickelten. Deshalb wollten wir nicht so dumm sein, unsere Gefühle in einer Weise zur Schau zu stellen, die Kräfte in der Sowjetunion gezwungen hätte, sich gegen Gorbatschow zu erheben.

Gorbatschow: Wir machten uns nichts vor, über das, was passieren könnte. Wir sahen einen Prozeß ablaufen, der die Zivilisation veränderte. Wir wußten, wenn wir uns in Osteuropa an das Prinzip der Selbstbestimmung und der Nichteinmischung hielten, würden wir auch den Westen davon abhalten zu intervenieren. So wie die sowjetische Führung damals beschaffen war, hätte ich solche weitreichenden Reformen ohnehin nicht allein in Gang setzen können. Schon in den ersten Monaten meiner Amtszeit umgab mich eine Gruppe von Reformern, und dann machten wir uns daran, das Personal auszuwechseln, auch im Politbüro und in den Provinzen. In dieser Zeit - 1986 und 1987 - wurde mir auch klar, daß wir den demokratischen Prozeß ausweiten müßten. Wenn wir die Bürger nicht beteiligten, würden die Bürokraten letzten Endes alle Reformen abwürgen.

Thatcher: Im Unterschied zu George Bush war ich von Anfang an gegen die deutsche Wiedervereinigung, aus den offensichtlichen Gründen. Deutschland zu vereinigen hieß, es zur beherrschenden Nation in der Europäischen Gemeinschaft zu machen. Sie sind mächtig, und sie sind tüchtig. Es würde ein deutsches Europa werden. Aber in Wirklichkeit wurde die Einigung beschlossen, ohne daß der Rest Europas groß gefragt worden wäre. Eigentlich waren wir verblüfft, daß es geschah. Meine Generation erinnert sich natürlich daran, daß wir zwei Weltkriege gegen Deutschland führen mußten, und der zweite war ein Krieg gegen eine äußerst rassistische Gesellschaft. Was in Deutschland passierte, wäre in Britannien niemals möglich gewesen. Ich hielt es auch für falsch, daß Ostdeutschland, gegen das wir schließlich gekämpft hatten, sich als erstes der Europäischen Gemeinschaft anschließen sollte, während Polen und die Tschechoslowakei, für die wir in den Krieg gezogen waren, noch warten mußten. Sie hätten 1945 frei sein sollen, aber sie blieben bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion unter dem kommunistischen Joch; selbst jetzt sind sie noch nicht ausreichend in Europa integriert und leiden unter den Folgen des Protektionismus.

Bush: Um ganz ehrlich zu sein: Wir hatten unsere Differenzen mit Lady Thatcher und François Mitterrand. Vielleicht weil Amerika weit entfernt ist und für sich liegt. Aber ich hatte das Gefühl, die deutsche Wiedervereinigung wäre im fundamentalen Interesse des Westens. Ich fand, jetzt müßten wir den Deutschen mehr Vertrauen schenken, nach all dem, was sie nach dem Zweiten Weltkrieg geleistet hatten. Ich war auch überzeugt, daß Helmut Kohl ein vereintes Deutschland nicht aus der Nato herausführen würde. Ich war mir sicher, daß er sich für den Westen und nicht für die Neutralität zwischen Nato und Warschauer Pakt entscheiden würde, wie Herr Gorbatschow es sich wünschte. Aber alles ging viel schneller, als irgendeiner von uns für möglich gehalten hätte, Kanzler Kohl eingeschlossen. Präsident Mitterrand steckte mittendrin . . .