(Selbst?-)Kritik

"Mehr als sechzig Prozent für Chirac", titelte der konservative Figaro, nachdem der französische Präsident vor zwei Wochen in einem langen Fernsehinterview seine umfassende Armeereform vorgestellt hatte. Das heißt nicht, daß so viele Bürger die Amtsführung des Elysée-Herrn gutheißen. Gemeint waren vielmehr die Einschaltquoten für den präsidialen Auftritt. Die beiden größten Sender TF1 und France 2 übertrugen ihn gleichzeitig. Die Fragen waren harmlos und wurden überdies äußerst liebenswürdig, um nicht zu sagen unterwürfig vorgebracht. Gleichwohl war Jacques Chirac nach seinem Auftritt nicht eben begeistert. Wie das Satireblatt Le Canard enchainé schreibt, soll er sich selbst reichlich konfus gefunden haben. Ein lobenswerter Ansatz von Selbstkritik eines Staatenlenkers? Mitnichten! Der Zorn Chiracs richtete sich gegen die Interviewer. Hatten die sich doch zwei-, dreimal erfrecht, den Redefluß des Präsidenten der Republik mit Fragen zu unterbrechen.

Muftis Schönheit

Sind Schönheitsoperationen Gotteslästerung? Ja, sagt Mohammed Sayyid Tantawi, der Mufti (ranghöchste Richter) von Ägypten. "Schönheit künstlich hervorzuheben ist illegitim, weil dadurch die göttliche Schöpfung verändert wird", erklärte der Meister der Exegese - und löste damit einen heftigen Streit aus. Denn Schönheitsoperationen sind ein lohnendes Zusatzgeschäft für ägyptische Ärzte. Kunden aus Europa und Amerika reisen in das Billiglohnland, wo sie sich für einen Bruchteil der Kosten daheim liften lassen können. Pfiffig argumentiert der Ärzteverband in Kairo: "Eine Schönheitsoperation ist wie Air-condition, die Temperaturen kühlt. Sollte man Air-condition verbieten, weil die Hitze ein Werk Gottes ist?"

Teilungsfragen

Wo sind sie, die Kriegsverbrecher, nach denen das Haager Jugoslawientribunal händeringend ruft? Der Guardian hat es herausgefunden: auf den Skipisten des Jahorina-Bergs, in 3000 Meter Höhe oberhalb von Sarajevo. Für die zu Tausenden aus der Stadt fliehenden bosnischen Serben waren die schweren Schneefälle der vergangenen Wochen eine Katastrophe, für den Jet-set hingegen ein Geschenk des Himmels - so schön waren die Abfahrten seit langem nicht. Die hochbeladenen Autos auf den Bergstraßen, die Flüchtlinge in den Gipfelhotels, der eine oder andere auf den Hängen herumirrende Heimatlose sind zu ertragen. Denn auf den Pisten ist man unter sich, dafür sorgen schon die Skipässe für umgerechnet acht Mark. Der Liftbetreiber Darko Rudic weiß zu berichten, daß sowohl der Psychiater von Pale als auch sein oberster Heerführer regelmäßige Gäste sind. Herr Rudic hat nur eine Sorge: Nach den Vorgaben des Daytoner Abkommens, sagt er, wird sein Skilift demnächst in serbischem Territorium starten - aber im Gebiet der muslimisch-kroatischen Föderation enden. Es kann nicht schaden, wenn die Haager Ermittler schon mal mit der Skigymnastik anfangen.