Der Älteste liest vor, in GroßvatersLehnstuhl. Er weiß, wie das geht, er ist schon Schüler. "Der Goldene Brunnen" - so hießen damals die Fibeln (und die Anthologien). So kratzten die Wollstrümpfe damals, in den Fünfzigern, und die Jäckchen und Leibchen und scheuerten die kurzen Lederhosen mit dem Hirschkopf auf dem Brustlatz. Und die Mädchen hatten Handarbeitskörbchen aus Bast und ewig was zu warten, bis die Zöpfe fertig waren. Gerade mal vierzig Jahre alt, und doch sind es schon Bilder aus einem anderen Jahrhundert, die der Lehrer Eugen Sauter im schwäbischen Neenstetten bei Ulm aufgenommen und die der Wartberg Verlag jetzt unter dem

Titel "Kindheit auf dem Lande in den 50er Jahren" (64 S., 29,80 DM) veröffentlicht hat. Alltagsphotos, Schnappschüsse oft, von wunderbar linkischem Charme. Alle in diesem lieben, etwas schiefen Farbton der frühen Farbfilmjahre, der seltsamerweise die Welt, die Sauters Bilder zeigen, noch ferner entrückt: die strengen Tische mit Bibel und Großfamilie, die krummen Holzregale, auf denen die schweren Brotlaibe ruhen, die dicken Strumpfhosen, darin die Kinderbeinchen stecken, der Ringelreihen im grünen Klee samt roten Backen. Und so sitzen wir da, heute, in Urgroßvaters Lehnstuhl, und lassen uns erzählen und blättern und betrachten gerührt.B.E.